Ist die angegebene solare Zusatzreichweite von 2.000 km pro Jahr realistisch?

Vor einem Monat stellte Hyundai den Ioniq 5 vor, ein ziemlich schickes und technisch sehr interessantes Auto, dazu das erste auf Basis der Plattform E-GMP. Angesichts der vielen Neuheiten an diesem Auto war ein Detail leicht zu übersehen: das Solardach. Ein Artikel von passionatedriver.de beleuchtet nun die Frage, wozu es gut ist und ob es sich lohnt. Wir haben uns davon inspirieren lassen und nachgerechnet.

Wie groß ist die solare Zusatz-Reichweite?

Das Solardach soll laut Hyundai eine Leistung von 205 Watt liefern, was angeblich für bis zu 2.000 Kilometer zusätzliche Reichweite pro Jahr reicht. Aber ist das realistisch? In Deutschland scheint die Sonne jährlich 1.544 Stunden lang (langjähriges Mittel laut Deutschem Wetterdienst, siehe Abbildung 11 im verlinkten PDF-Dokument). Ein Jahr ergibt danach knapp 320 kWh. Das reicht, um die große Batterie (73 kWh) des Ioniq 5 mehr als vier Mal aufzufüllen.

Die WLTP-Reichweite der 73-kWh-Version gibt Hyundai mit 480 km an. Das entspricht einem Stromverbrauch von etwa 15 kWh/100 km. Dann entsprechen 320 kWh über 2.100 km. Die von Hyundai angegebene solare Zusatz-Reichweite von 2.000 km erscheint danach durchaus realistisch.

Man kann aber auch anders rechnen. Passionatedriver geht wegen der Ladeverluste von einem höheren Stromverbrauch von 18 kWh/100 km aus. Ausgehend von den 320 kWh möglichem Sonnenstrom kommt man damit auf eine solare Zusatzreichweite von knapp 1.800 km.

Es kommt jedoch darauf an, welche Sonnenscheindauer man verwendet. Wenn man vom besonders sonnenreichen Jahr 2020 ausgeht (mit 1.900 Sonnenstunden laut Statista), stehen 390 kWh zur Verfügung, und damit kommt man wieder locker über 2.000 km.

Die solare Zusatzreichweite ist also jahresabhängig. Dazu kommt, dass der Süden Deutschlands meist sonnenreicher als der Norden ist, und dass viele Elektroautos (besonders in engen Straßenschluchten der Großstädte) oft auch im Schatten stehen. Andererseits produziert ein Solarpanel auch bei Schatten und bei bedecktem Himmel Strom.

Lohnt sich das Solardach finanziell?

Und wie sieht es finanziell aus? Lohnt sich der Aufpreis für das Solardach überhaupt? Laut Passionatedriver liegt dieser bei 1.290 Euro. Eine offizielle Angabe dazu haben wir nicht gefunden, aber gehen wir mal von dieser Zahl aus.

In Deutschland kostet laut Bundeswirtschaftsministerium eine Kilowattstunde durchschnittlich 32 Cent. Demnach rentiert sich das Solardach nach einer Stromproduktion von etwa 4.000 kWh. Geht man von dem Super-Sonnen-Jahr 2020 aus, in dem 390 kWh Solarstrom produziert werden konnten, macht sich das Solardach erst nach etwa 10 Jahren bezahlt. Geht man vom langjährigen Sonnenmittel aus, dauert es noch ein paar Jahre länger.

2022 Hyundai Ioniq 5

Fazit

Die solare Zusatzreichweite liegt bei rund 1.800 bis 2.100 km. Die von Hyundai angegebenen 2.000 Kilometer sind von der Größenordnung her richtig. Passionatedriver findet dagegen (aufgrund leicht anderer Zahlen), dass dies "ein für deutsche Verhältnisse eher optimistisch gerechneter Wert" ist.

Außerdem heize sich das Auto, wenn es in der Sonne steht, stark auf und muss danach wieder heruntergekühlt werden, so die Website. Das macht allerdings nur dann einen Unterschied, wenn man das Auto wegen des Solardachs absichtlich öfter in die pralle Sonne stellt. Außerdem senkt die Aufheizung im Winter die Heizkosten.

Von Passionatedriver nicht diskutiert werden zwei weitere Faktoren: Erstens könnte es angenehm sein, dass das Solardach den Stromverbrauch für die Klimatisierung der Batterie im Stand abdecken könnte. So bräuchte man weniger Angst haben, dass die Batterie tiefentladen wird, wenn das Auto mal länger nicht genutzt wird. Andererseits ist in den Rechenbeispielen noch nicht das Zusatzgewicht des Solardachs berücksichtigt, das den Stromverbrauch erhöht. 

Dass sich das Solardach erst nach mindestens zehn Jahren amortisiert, dürfte so manchen abschrecken. Andere werden sich überlegen, ob das Ding einen ökologischen Nutzen hat, denn für die Herstellung werden natürlich Ressourcen verbraucht. All das wird ein Kunde wohl kaum durchrechnen können und wollen. Vielleicht zählt da der Stammtisch-Effekt mehr, denn "Ich produziere mir meinen Strom selber" klingt einfach gut ...

Bildergalerie: Hyundai Ioniq 5 (2021)