Diese neue Batterie ist erschreckend überkonstruiert. In diesem Auto sehen wir sie zuerst
Hitze ist der Erzfeind der EV-Performance. Die Ingenieure von Mercedes-AMG haben alles darangesetzt, sie in den Griff zu bekommen
Elektroauto-Batterien haben ein hartes Leben. Temperaturwechsel, Schläge durch schlechte Straßen, wiederholte harte Beschleunigungen und Schnellladevorgänge - das kann die Zellen schnell an ihre Grenzen bringen. Die kombinierte Wirkung dieser Belastungen kann enorme Wärmemengen erzeugen. Diese Wärme im Griff zu behalten, macht den Unterschied zwischen einer Batterie, die funktioniert – und einem potenziellen Problemfall.
Zum Glück haben jüngste Innovationen in der Batterietechnik den Herstellern Zellen erschlossen, welche auch die absolut extremen Belastungen von elektrischen Hochleistungs-Sportwagen verkraften. Der neue Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé gibt Einblick in mehrere dieser Neuerungen.
In ihrer jüngsten Generation ersetzt die Power-Limousine den V8 durch einen rein elektrischen Antrieb. Das polarisierende Design und Schlagzeilenwerte wie 1.169 PS oder 600 kW maximale Ladeleistung sorgten bei der Präsentation in der vergangenen Woche für Aufmerksamkeit.
Abseits des Spektakels sind einige zentrale Batterie-Sensationen so ein wenig unter dem Radar geblieben. Zwei Punkte stechen heraus: die Silizium-Anode und ein aufwendig ausgelegter Kühlkreislauf.
Doch zuerst die Grundlagen. Die 106 kWh nutzbare Batteriekapazität des AMG GT ermöglichen laut WLTP bis zu 700 km Reichweite. Wenn das Auto später in diesem Jahr auf den Markt kommt, soll es das am schnellsten ladende E-Auto sein – mit einer angegebenen 10–80%-Ladezeit von nur 11 Minuten.
Die Silizium-Anode ist der Schlüssel zu dieser Ladeperformance. Vereinfacht gesagt ist die Anode der Teil der Zelle, der maßgeblich beeinflusst, wie viel Energie die Batterie speichern kann und wie schnell sie sich laden lässt.
Traditionell setzen Zellhersteller auf Graphit-Anoden – wegen ihrer Stabilität und Energiedichte. Doch weil China die Graphit-Lieferketten stark dominiert und zugleich Umweltfragen rund um den Graphitabbau im Raum stehen, integrieren Autobauer zunehmend Silizium-Graphit-Anoden als Zwischenlösung. Das Ziel ist, Graphit perspektivisch ganz zu ersetzen – entweder durch 100% Silizium oder durch Alternativen wie synthetischen Graphit.
Mercedes-AMG ist damit nicht allein. Auch andere Unternehmen arbeiten an Silizium-Anoden, darunter General Motors sowie Start-ups wie Group14 und Sila. Allerdings gilt: Silizium-Anoden sind bislang eine Nischentechnologie. Sie sind zwar in begrenzten Mengen kommerziell verfügbar, aber noch nicht kostenseitig wettbewerbsfähig und skalierbar genug, um klassische Graphit-Anoden in Großserie wirklich zu verdrängen.
Beim AMG GT erreicht die siliziumhaltige Anode eine zellbezogene Energiedichte von 298 Wh/kg – ein Wert am oberen Ende dessen, was heute bei kommerziell verfügbaren Lithium-Ionen-Zellen in Automobilqualität üblich ist. Die Kathode wiederum enthält Nickel, Kobalt, Mangan und Aluminium (NCMA) – eine Chemie, die Hersteller historisch mit höherer Reichweite und besserer Energiedichte verbinden.
Diese Kombination ermögliche es dem AMG GT laut Mercedes-AMG, mit 600 kW zu laden, bis zu 44,5 Kilometer pro Minute nachzuladen und eine dauerhaft hohe Entladeleistung bereitzustellen, die die 1.000+ PS ermöglicht.
Bildergalerie: Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé (2026)
Um diese Leistung zu beherrschen, setzt Mercedes-AMG auf mehrere Kühlsysteme und ein neues Zelldesign. Verbaut werden schlanke, hohe Rundzellen mit 10,4 cm Höhe und 2,5 cm Durchmesser. Der kleinere Durchmesser verringere, so Mercedes, die Distanz vom Zellkern zur Oberfläche und ermögliche dadurch eine schnellere und effizientere Wärmeabgabe.
Die Zellen selbst sind in laser-verschweißtem Aluminium eingefasst, wodurch sie schneller abkühlen oder erwärmen können. Ein Kühlmittel soll gleichmäßig um jede der 2.660 einzelnen Zellen strömen, um Wärme abzuführen. Zudem integriert Mercedes eine sogenannte „On-Demand“-Kühlung, um die Temperaturen in jedem Batteriemodul möglichst gleichmäßig zu halten. Wird ein Bereich der Batterie wärmer, kann das System ihn gezielt herunterkühlen, statt den Kühlmittelfluss für das gesamte Pack zu erhöhen – was Energie kosten oder andere Bereiche unnötig stark kühlen könnte.
Im Zentrum stehen dabei ein Kühlmittel-Pumpenmodul, ein Öl-Wasser-Wärmetauscher und ein zentraler Kühlmittelverteiler. Die Pumpe drückt das Kühlmittel durch das Pack, während der Wärmetauscher Wärme abführt. Der Kühlmittelverteiler bündelt den Durchfluss zusätzlich in einem kompakten Gehäuse. Das soll dem AMG GT eine gezielte Kühlung von Komponenten ermöglichen. Wenn der Akku beispielsweise im optimalen Temperaturfenster arbeitet, kann das System das Kühlmittel zu Bauteilen umleiten, die mehr Kühlung benötigen – etwa zu den elektrischen Antriebseinheiten.
In Summe, so Mercedes-AMG, können die Systeme rund 20 kW Wärme abführen – deutlich mehr als die 5–8 kW Kühlleistung, die bei typischen Thermomanagement-Systemen von E-Auto-Batterien üblich sind.
Auf dem Papier klingt das alles bemerkenswert. Der eigentliche Test kommt jedoch erst auf der Straße – und in den Jahren danach, wenn sich zeigt, wie diese Batterie mit geringer Degradation und dauerhaft hoher Leistung über die Zeit standhält. Die größere Hoffnung ist allerdings, dass diese Technik irgendwann auch in Volumenmodelle einzieht. Es wäre schön, wenn extrem schnelle Ladezeiten kein Privileg für Elektroautos im sechsstelligen Preisbereich bleiben würden.
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