Elektroauto als Stromquelle? ADAC testet die Steckdose auf Rädern
Die "Vehicle-to-Load-Funktion" macht E-Autos zu mobilen Stromversorgern: Der ADAC sagt, wo die Stärken und Schwächen der Technik liegen
Mitten in der Wildnis das WM-Spiel der deutschen Nationalelf schauen, auf der abgelegenen Baustelle die Kreissäge anwerfen oder beim Festival die Lichterkette erstrahlen lassen – und das alles völlig ohne lauten Generator. Moderne Elektroautos entwickeln sich dank der sogenannten "Vehicle-to-Load-Technologie" (V2L) zum Schweizer Taschenmesser der Energieversorgung.
Die Fahrzeuge können ihre Batteriereserven anzapfen, um externe Elektrogeräte direkt mit Strom zu füttern. Ob dieses verlockende Versprechen von Freiheit im Alltag auch hält, was es verspricht, hat der ADAC nun genauer untersucht. Die Experten schickten sechs aktuelle Stromer in den Härtetest, um Sicherheit, Belastbarkeit und Bedienkomfort auf Herz und Nieren zu prüfen.
Bildergalerie: BMW iX3 50 xDrive (2026) im Test
Vom Campingkocher bis zur Kreissäge
Das Prinzip hinter dem mobilen Strom ist denkbar simpel: Ein herstellerspezifischer Adapter wird in die Ladebuchse des Autos gesteckt und verwandelt diese im Handumdrehen in eine ganz normale Haushaltssteckdose. Was die Belastbarkeit angeht, trennte sich im Testlabor jedoch schnell die Spreu vom Weizen.
Während dich er kompakte MG4 mit einer maximalen Leistungsabgabe von 2,2 kW eher zurückhaltend zeigte, packte der BMW iX3 im Peak-Bereich richtig zu und stellte kurzzeitig stattliche 7,2 kW bereit. Diese enormen Kraftreserven sind in der Praxis ein echter Segen, weil gerade schwere Elektrogeräte wie Kreissägen oder Kompressoren beim Starten extrem hohe Anlaufströme benötigen.
Im dauerhaften Betrieb pendelt sich die Leistung über alle Hersteller hinweg allerdings bei soliden 3,4 bis 3,7 kW ein. Ein dickes Lob verdienten sich die Testkandidaten beim Thema Sicherheit, denn im Falle eines simulierten Kurzschlusses kappten alle Systeme die Stromzufuhr blitzschnell und absolut vorbildlich, sodass zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr bestand.
Kabel-Frust und die Angst vor dem Regen
Trotz der soliden technologischen Basis offenbarten die ADAC-Tester im Detail einige ärgerliche Kinderkrankheiten, die das Nutzererlebnis trüben. So verzichten einige Autobauer unverständlicherweise auf eine automatische Verriegelung des Adapters. Das führt dazu, dass sich der Stecker bei manchen Modellen sogar während der aktiven Stromabgabe einfach herausziehen lässt.
Auch die Software wirft mitunter Fragen auf: Mal versteckt sich die Aktivierung tief im Infotainment-Menü, mal muss ein Knopf am Adapter selbst gedrückt werden. Zudem verwirrten die Bordcomputer die Tester mit kryptischen und schlicht falschen Fehlermeldungen wie "OBC prüfen", obwohl das Ladegerät fehlerfrei arbeitete.
Nahezu absurd wirkt im Kontext von Outdoor-Aktivitäten allerdings ein Blick in die Betriebsanleitungen der unterschiedlichen Elektroautos, denn kein einziger Hersteller erteilt eine Freigabe für den Betrieb bei Regen – und das, obwohl das System der mobilen Steckdose eigentlich prädestiniert für das Campen unter freiem Himmel ist.
Der unsichtbare Stromfresser im Hintergrund
Ein oft unterschätzter Faktor ist der energetische Tribut, den das Auto für die Stromabgabe fordert. Damit der Strom überhaupt fließen kann, muss das gesamte Nervensystem des Fahrzeugs inklusive Steuergeräten und dem Onboard-Lader hochgefahren werden. Dieser permanente Eigenverbrauch summiert sich im V2L-Modus auf bis zu 500 Watt.
Um diese Dimension zu verdeutlichen: Das entspricht in etwa dem nächtlichen Grundverbrauch eines gesamten durchschnittlichen Einfamilienhauses. Wer also nur kurz das Smartphone lädt, spürt davon kaum etwas, doch bei einer tagelangen Nutzung in der Wildnis schrumpft der Hauptakku des Autos merklich zusammen.
Unter dem Strich bleibt die V2L-Funktion dennoch ein enorm praktisches Feature für Abenteurer und Handwerker. Der ADAC rät Besitzern allerdings dringend dazu, die Funktion vor dem ersten echten Einsatz in Ruhe auf dem heimischen Hof zu testen und den energetischen Durst des Autos im Hinterkopf zu behalten. Sonst endet das erste Abenteuer mitten in der Wildnis ...
Auch interessant
Stellantis und Factorial: Straßentests mit Festkörperbatterie
Microlino: Elektro-Zwerg jetzt zum Kampfpreis im Leasing
Wiener Motorensymposium 2026: 45 % globaler BEV-Anteil bis 2035
Jaguar Type 01 feiert im Oktober "auf besondere Weise" Premiere
"Pleos Connect": Neues Infotainment für Hyundai, Kia, Genesis
Subaru lockt Käufer von Elektroautos mit XXL-Garantie
Mercedes EQS: Facelift mit Steer-by-Wire und Steuerhorn