Elektro-Allrounder mit bis zu 761 PS ... für die ganze Familie

Es überkommt mich auf einer schnurgeraden Landstraße irgendwo zwischen Zuffenhausen und Künzelsau. Die Straßen sind so frei wie einst an den autofreien Sonntagen in den 1970er-Jahren. Ich bremse meinen Testwagen – einen Porsche Taycan Turbo S Cross Turismo – bis zum kompletten Stillstand hinunter und versuche mich auf einen Start mit Launch Control vorzubereiten. 

Das Datenblatt sorgt für großen Respekt. Wie zum Teufel soll man sich bitte auf 560 kW (761 PS) und 1.050 Newtonmeter maximales Drehmoment vorbereiten? Allradantrieb. Ein PSM-Motor mit 1-Gang-Getriebe an der Vorder-, ein weiterer PSM-Motor mit 2-Gang-Getriebe an der Hinterachse. Ich halte das Lenkrad fest, atme noch einmal tief durch und drücke das Gaspedal voll durch. Oha ... Tunnelblick.

Eine Studie wird Wirklichkeit

Aber von vorne: Nach fast unangenehm vielen Teasern zog Porsche am 4. März 2021 endlich die Tücher vom Taycan Cross Turismo und ließ damit die Studie Mission E Cross Turismo vom Genfer Autosalon 2018 tatsächlich Wirklichkeit werden. Wie es seit Bekanntwerden des Studiennamens zu erwarten war, handelt es sich bei den neuen Modell also um einen vollelektrischen Porsche, der als höhergelegter Feldweg-Kombi an den Start geht.

Das ist nicht nur für Porsche Neuland, auch wenn man dort das böse K-Wort nicht so gerne hört. Ein Elektroauto im Kombi-Stil – und damit etwas mehr Kofferraum? Einzigartig! Das Ganze gepaart mit erhöhter Bodenfreiheit? Noch einzigartiger!

Porsche Taycan Turbo S Cross Turismo (2021) im Test
Porsche Taycan Turbo S Cross Turismo (2021) im Test

Und zwar so einzigartig, dass immer wieder Passanten vor dem Wagen stehen bleiben, Fotos machen und sich so sehr freuen, als hätten sie gerade ein Raumschiff aus einer fremden Galaxie gesehen. Dabei ist der Cross Turismo optisch gar nicht soooo andersartig als ein normaler Panamera Sport Turismo. Und auch an die Taycan Limousine sollte man sich doch eigentlich schon gewöhnt haben.

Der Cross Turismo wirkt trotzdem sehr lang. Auch wenn er mit 4,97 Meter sogar zwei Zentimeter kürzer als die Limousine ist. Hauptunterschied ist also die längere, flachere Dachlinie, was den Fond-Insassen 47 Millimeter mehr Kopffreiheit beschert. Und der Laderaum. Der ist mit 446 bis 1.212 Litern ebenfalls größer geworden. 

Zum Vergleich: In den normalen Taycan passen nur 407 Liter. Der Frunk unter der "Motorhaube" kann es jeweils noch einmal mit 84 Liter aufnehmen. Für sperrige Gegenstände steht beim Cross Turismo optional ein Dachträger sowie ein Fahrradständer fürs Heck zur Wahl.

Porsche Taycan Turbo S Cross Turismo (2021) im Test
Porsche Taycan Turbo S Cross Turismo (2021) im Test

Neben veränderten Schwellern und Schürzen bietet der Cross Turismo ein optionales "Offroad-Design-Paket". Serienmäßig ist ein Gravel-Modus für losen Untergrund, der das Fahrwerk per ebenfalls serienmäßiger Luftfederung um 30 Millimeter anhebt. Außerdem werden die Dämpfer komfortabler eingestellt sowie Traktionskontrolle, ESP und das Drehmoment-Management auf losen Untergrund adaptiert.

Das funktioniert alles einwandfrei und macht auch irgendwie Spaß. Doch Porsche gibt schon während der Testfahrt in einem Steinbruch zu, dass wahrscheinlich nicht einmal zehn Prozent der Kundschaft jemals eine Route durchs Gelände wählen werden. 

Porsche Taycan Turbo S Cross Turismo (2021) im Test

Ein familientauglicher Kofferraum, 30 Millimeter mehr Bodenfreiheit, ein Gravel-Modus? Dazu ein Leergewicht von rund 2,5 Tonnen und eine Fahrzeuglänge von knapp fünf Meter? Puh! Wie ich werden auch Sie sich jetzt – vollkommen zurecht – fragen: Ist das eigentlich noch Porsche? Ich kann Sie beruhigen. Ist es. Irgendwie sogar besser. Wenn auch anders.

Schneller, als es die Synapsen verarbeiten

Kehren wir also zurück auf die verlassene Landstraße in den Turbo S. Der Sport Plus-Modus sorgt dafür, dass der Taycan beim Anfahren auch an der Hinterachse den ersten Gang einlegt und der Über-1.000-Newtonmeter-Kick in den Rücken beim Start hinterlässt allgemeine Sprachlosigkeit.

Kein Schlupf an irgendeinem Rad, kein Ziehen im Lenkrad. Nichts will den unerbittlichen Vortrieb irgendwie aufhalten, ablenken oder verfälschen. Es fällt schwer zu atmen und das Blickfeld verengt sich auf das, was zwischen Mittelstreifen und der rechten Fahrbahnmarkierung stattfindet.

Porsche Taycan Turbo S Cross Turismo (2021) im Test

Nach etwa 1,5 Sekunden legt die Hinterachse die zweite Fahrstufe ein und für das Tausendstel einer Sekunde fällt der Druck vom Körper ab. Bevor er wieder unbarmherzig in den Sitz gedrückt wird. Wenn Sie das – wie ich – zum ersten Mal erleben, fällt es wirklich schwer die 2,9 Sekunden durchzuhalten, die vergehen, bis die 100er-Marke auf dem Tacho fällt.

Und wenn Sie es schließlich tun und danach das Erlebte Revue passieren lassen, werden Sie feststellen, dass das Lachen an der übermäßigen Dopamin-Ausschüttung liegt. Es ist auch eine gewisse Panik. Fassungslosigkeit, die aufkommt und Angst, die plötzlich abfällt.

Der 959 des 21. Jahrhunderts

Das schiere Glücksgefühl, nicht in Ohnmacht gefallen zu sein, beflügelte mich auch dazu, den folgenden Satz zu formulieren: Porsche hat es geschafft, einen Offroad-Lifestyle-Kombi zu bauen, der in Sachen "Überwältigungsfaktor" ein 959-Nachfolger für das 21. Jahrhundert sein könnte.

Und dabei fehlt mir nicht einmal die akustische Untermalung eines großvolumigen Sechszylinder-Boxermotors. Der gut gemachte Synthetik-Sound reicht völlig aus und die Ruhe im Fahrzeug sorgt eher dafür, dass sich die anderen Sinne schärfen, so dass man sich vollständig und ohne Ablenkung auf die abartige Beschleunigung konzentrieren kann.

Aber Porsche-DNA sollte eben nicht nur aus der Fähigkeit bestehen, die Insassen in puncto Längsdynamik zu überzeugen. Denken Sie an einen 718 Spyder oder an einen 911 GT3. Denken sie an die direkten Lenkungen, an puristische Handschaltgetriebe, reduzierte Fahrzeuggewichte und Heckantrieb. Kann man diese Emotionen von einem Taycan Cross Turismo erwarten?

Porsche Taycan Turbo S Cross Turismo (2021) im Test
Porsche Taycan Turbo S Cross Turismo (2021) im Test

Kann man. Sollte man aber nicht. Aber das macht überhaupt nichts. Denn es fehlt zwar an Direktheit und Leichtigkeit, aber am Ende werden Sie trotzdem schneller unterwegs sein. Lenkung und Fahrwerk geben sich zusammen mit den Motoren und dem tiefen Schwerpunkt die größte Mühe, die 2,5 Tonnen dahinschmelzen zu lassen.

Kein Übersteuern, kein Untersteuern. Einfach nur Vortrieb und Grip. In dieser Disziplin verhält sich der Taycan Cross Turismo mit Turbo S-Badge am ehesten wie ein Audi RS 6. Wenn auch etwas leichtfüßiger und direkter. Aber weniger wild als beispielsweise ein Mercedes-AMG E 63 S T-Modell.

Wenn Sie also auf puristische Querdynamik mit Porsche-Logo stehen, muss ein GT3 oder ein Spyder eben weiterhin als Zweitwagen in der Garage parken. So einfach ist das. Und so war es auch schon, wenn Sie zuvor einen Panamera Sport Turismo, einen Panamera oder sogar einen normalen 911er gefahren sind. Das Porsche-Tracktool kann ein Taycan nicht ersetzen. Will er aber auch gar nicht.

Komfort. Auch für die Langstrecke

Das Motto lautet also auch: Komfort. Und der Taycan Cross Turismo ist durchaus tauglich für die Langstrecke. Die Performancebatterie Plus mit 93,4 kWh ist serienmäßig. Die Reichweiten betragen so (je nach Modell) bis zu 456 Kilometer. Im Turbo S sind es 388 bis 419 Kilometer. Bei einem Testverbrauch von rund 30 kWh/100km sind 300 bis 350 Kilometer aber wohl realistischer. Doch das ist okay, denn an der Schnellladesäule wird durch die 800-Volt-Technik in etwas mehr als 20 Minuten von 5 bis 80 Prozent vollgeladen.

Neu ist außerdem, dass der Wagen nun mit bis zu 290 kW rekuperieren kann. 20 kW mehr als die maximale Ladeleistung an der Steckdose. Eine sehr theoretische Angabe, ja. Sie wollen ein greifbares Beispiel, wie viel Energie der Taycan so einfangen kann? Wenn Sie bei 200 km/h eine Vollbremsung auf 0 km/h machen, können vier Kilometer Reichweite hinzugewonnen werden.

Porsche Taycan Turbo S Cross Turismo (2021) im Test

Das Design im Innenraum entspricht übrigens 1:1 der Taycan Limousine. Der obere und untere Teil der Instrumententafel spannen sich flügelförmig über die gesamte Breite. Das freistehende und gebogene Kombiinstrument lässt sich klar ablesen. Ein zentrales 10,9-Zoll-Infotainmentdisplay und ein weiterer, optionaler Bildschirm für den Beifahrer sind unter einer Glasoberfläche bündig zusammengefasst. Alles funktioniert einwandfrei und ist ähnlich einfach bedienbar wie beispielsweise in einem stinknormalen VW Golf.

Porsche Taycan Turbo S Cross Turismo (2021) im Test
Porsche Taycan Turbo S Cross Turismo (2021) im Test

So gleite ich also entspannt und in völliger Ruhe im Normal-Modus bei bis zu 250 km/h über die linke Spur der Bundesautobahn zurück nach Zuffenhausen. Erfreue mich an zahlreichen Assistenten, die mir die Arbeit abnehmen und genieße immer wieder die nie langweilig werdenden Zwischenspurts.

Hätte ich doch 187.764 Euro für den Turbo S. Beziehungsweise sogar etwas mehr als 200.000 Euro. Denn das eine oder andere Feature bleibt natürlich aufpreispflichtig.

Doch eigentlich würden rund 94.000 Euro reichen. So viel kostet nämlich der Einsteiger-Cross-Turismo. Der hat zwar "nur" 350 kW (476 PS) und ist bei 220 km/h abgeregelt, hat aber ansonsten alle anderen Features und Fähigkeiten wie sämtliche darüber positionierten Modelle.

Und auch wenn sich das ein oder andere Familienmitglied vielleicht über eine Beschleunigung von unter drei Sekunden freuen könnte, würde ich den geringeren Preis und die 40 Kilometer höhere Reichweite in diesem Fall irgendwie vorziehen.

Fazit: 9,5/10 Punkte

Ein so einzigartiges Fahrzeug in einem Absatz für ein Fazit zusammenzufassen, würde dem Porsche Taycan Turbo S Cross Turismo irgendwie nicht gerecht werden. Denn selbst wenn das Konzept eines elektrischen Lifestyle-Kombis vielleicht nicht direkt schlüssig erscheint, hat Porsche ein ziemlich vollkommenen Allrounder der Extraklasse entwickelt, der in den meisten Punkten ganz vorne in der Sportwagen-, Kombi- oder Feldweg-Liga mitspielt und Sie einzig im Kapitel Querdynamik etwas zurückstecken müssen. Ganz passend ist deshalb ausnahmsweise auch einmal ein Werbeslogan für ein neues Fahrzeug: "Gänsehaut. Für die Seele." 

Bildergalerie: Porsche Taycan Turbo S Cross Turismo (2021) im Test

Porsche Taycan Turbo S Cross Turismo (2021)

Motor PSM-Motor an Vorder- und Hinterachse
Leistung 460 kW (625 PS), Overboost bei Launch Control 560 kW (761 PS)
Max. Drehmoment 1.050 Nm
Getriebeart 1-Gang-Getriebe an der Vorder-, 2-Gang-Getriebe an der Hinterachse
Antrieb Allradantrieb
Beschleunigung 0-100 km/h 2,9 s mit Launch Control
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h
Länge 4.974 mm
Breite 1.967 mm
Höhe 1.409 mm
Verbrauch 29,4 kWh/100km
Batterie 93,4 kWh (brutto), 83,7 kWh (netto)
Aufladezeit 5 - 80 Prozent bei 270 kW DC-Ladeleistung in 22,5 min
Elektrische Reichweite 388 – 419 km (WLTP)
Leergewicht 2.395 kg (nach EU-Richtlinie)
Zuladung 560 kg
Kofferraumvolumen 405 – 1.171 l (+84 l vorne)
Basispreis 187.764 Euro