Rolls-Royce Spectre: ein Privatjet ohne Flügel. Oder eine Yacht mit Rädern, wenn Ihnen das lieber ist. Solche Vergleiche passen zur Kundschaft, und meiner Meinung nach wollten die Entwickler bei diesem Coupé, der neuesten Schöpfung aus Goodwood, an diese Art des Reisens erinnern.

Natürlich gibt es ein Lenkrad, aber ist es dann auch den Parallelen mit anderen Autos. Der Rolls-Royce Spectre ist eine Welt für sich, sogar in der Rolls-Royce-Palette. Wenn Sie jetzt neugierig geworden sind, sage ich es Ihnen gleich: Der Spectre, den ich gefahren habe,  kostet rund 520.000 Euro. Über eine halbe Million Euro. Ist er das wert? Ich werde es Ihnen gleich sagen.

Rolls-Royce Spectre: Es gibt nichts Vergleichbares

Der Spectre basiert auf einer Aluminium-Plattform namens Architecture of Luxury, die speziell für Rolls-Royce-Modelle entwickelt wurde. Er ist fünfeinhalb Meter lang, fast zwei Meter breit und hat eine stromlinienförmige Silhouette. Er ist aerodynamisch wie kein Rolls vor ihm: Der cW-Wert von 0,25 verdankt sich verschiedenen Lösungen, darunter eine Neugestaltung des Spirit of Ecstasy.

Rolls-Royce Spectre: Ansicht von schräg oben

Der Rolls-Royce Spectre ist ein zweitüriges Coupé

Der Spectre ist leiser als das Flugzeug oder die Yacht, von denen wir anfangs sprachen. Die riesigen Räder haben Kontakt zum den Asphalt, aber man spürt sie nicht wirklich. Die Fahrwerksabstimmung war schon immer ein Aushängeschild von Rolls-Royce. Beim Spectre "liest" eine Frontkamera den Asphalt vor dem Auto, um jedes einzelne Rad darauf vorzubereiten und Unebenheiten auszugleichen. Zudem verfügt der Spectre über einen Stabilisator, der sich auf gerader Straße entkoppelt und so den einzelnen Rädern mehr Bewegungsfreiheit gibt.

Wenn eine Kurve naht – und das weiß der Spectre aus dem Kartenmaterial des Navis – wird der Stabilisator wieder zusammengefügt, die Dämpfer werden steifer und die Hinterradlenkung greift ein. Zwanzig verschiedene Parameter, darunter Lenkung, Aufhängung und Leistung, werden kontinuierlich an die Fahrbahn angepasst.

Rolls-Royce Spectre: Fahraufnahme von schräg oben vorne

Der Spectre "liest" den Asphalt wie ein Golfer das Grün

Zum Glück gibt es diese Allradlenkung: Bei einem Radstand von weit über drei Metern ist ein Wendekreis von rund 13 Metern fast schon ein Wunder. Die Lenkung ist leichtgängig und filtert Unebenheiten gut heraus; es gibt keinerlei Vibrationen, abgesehen von denen, die das Spurhaltesystem schickt, denn der Spectre ist der erste Rolls-Royce mit Assistenzsystemen auf Level 2.

Um noch einmal auf die Geräuschdämmung zurückzukommen: Etwa 200 Kilo schallabsorbierende Materialien wurden eingebaut; sie schlucken praktisch jede Frequenz, vor allem die Geräusche der riesigen 23-Zoll-Reifen. Und dann ist da noch der Motor. Oder besser gesagt, die Motoren. Es sind zwei. 360 kW hinten, 190 kW vorne, also insgesamt 430 kW, was 584 PS entspricht, und satte 900 Nm. Alles ist sofort am Start und sorgt für eine Beschleunigung von 0 auf 100 in 4,5 Sekunden. Aber alles läuft sehr kontrolliert ab: Dies ist ein Rolls-Royce, kein Drag-Race-Auto. Der Spectre wiegt runde drei Tonnen.

Rolls-Royce Spectre: Fahraufnahme von der Seite

Der über fünf Meter lange Spectre hat einen cW-Wert von 0,25 

Es gibt keine Fahrmodi, das ist nichts für einen Rolls-Royce. Hier ist alles schon so eingestellt, wie es sein soll. Das einzige Zugeständnis ist der B-Modus, der die Rekuperation beim Freigeben des Gaspedals erhöht, wodurch der Wagen langsamer wird.

Sie wollen etwas über das Interieur lesen? Nun, es ist einzigartig; es gibt kein Wort, das es besser beschreibt. Die Materialien sind alle von höchster Qualität und es gibt nur sehr wenig Plastik. Die Individualisierungsmöglichkeiten machen jeden Spectre anders, aber einer ist so einladend wie der andere.

Rolls-Royce Spectre: Das Cockpit

Das Cockpit: Keine riesigen Displays, eher traditionelle Atmosphäre

Ein Beispiel? Die Fahrertür schließt sich von selbst, sobald man die Bremse betätigt, und auch das Öffnen wird elektrisch unterstützt, man muss nur die Hand am Griff lassen. Ein bisschen so, als hätte man einen Diener, auch wenn er nicht da ist.

Der erste elektrische Rolls, aber sicher nicht der letzte

Ich hatte vor einiger Zeit das Glück, einen Phantom zu fahren, und schon damals dachte ich: Ein Zwölfzylinder vorne ist fast eine Verschwendung. Man merkt sowieso nichts von ihm, weder mit den Ohren noch beim Gasgeben, denn der Vortrieb ist gedämpft und Schaltvorgänge nicht spürbar.

Rolls-Royce Spectre: Standaufnahme von schräg vorne in schöner Landschaft

Der riesige Chrom-Grill ist ein Erkennungszeichen des Spectre

Um auf den Spectre zurückzukommen: Dank der riesigen Batterie mit 102 kWh Nettokapazität soll er 500 km schaffen - im wirklichen Leben sind es vielleicht 400. Sorgen wegen der Reichweite gibt es damit nicht wirklich.

Nicht, weil man mit bis zu 195 kW aufladen kann, sondern weil die Kundschaft typischerweise sowieso nur etwa 5.000 km im Jahr fährtZweitens hat die Klientel im Durchschnitt noch sieben andere Autos in der Garage und darunter wird auch ein für Langstrecken geeigneteres sein. Vielleicht sogar mit einem Fahrer. Und drittens, wenn man wirklich weiter als 400 km reisen muss, ist es dann nicht besser, den Privatjet zu nehmen?

Rolls-Royce Spectre: Die berühmte Kühlerfigur auf der Haube

Auch als Elektroauto hat ein Rolls-Royce die "Emily" auf der Haube, auch wenn sie aerodynamisch frisiert ist

"Das Elektroauto ist absolut leise und sauber. Es gibt keine Gerüche oder Vibrationen ab und wird ideal sein, wenn es feste Ladestationen gibt." Das sagte kein geringerer als Charles Stewart Rolls im Jahr 1900, noch bevor er Henry Royce kennenlernte. Er war zweifelsohne ein Visionär, denn seine Vision wird Realität: Ab 2030 werden alle Rolls-Royce ausschließlich elektrisch fahren.

Der Spectre ist also nur der erste seiner Art. Aber wenn es seit langem heißt, dass ein Rolls-Royce das perfekte Auto ist, dann ist der Spectre der perfekte Rolls-Royce.

Bildergalerie: Rolls-Royce Spectre (2024) im Test