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GWM Ora 03 (2024) im Dauertest: Detailverliebter Durchschnitt

Wie schlägt sich der Kompaktwagen aus China im Alltag?

GWM Ora 03 (2024) im Dauertest
Bild von: InsideEVs

Seit Anfang 2023 ist dieser Elektro-Kompaktwagen des chinesischen Great Wall Motor-Konzerns über die Emil Frey-Gruppe in Deutschland erhältlich. Heute heißt er Ora 03. Zu Beginn seiner Karriere hörte er noch auf den weniger kryptischen, aber doch sehr wunderlichen Namen Funky Cat. Aber Namen sind sowieso so eine Sache bei GWM.

Denn den Mini J01- und Mini Aceman-Zwilling (beiden nutzen die gleiche aus einer Kooperation heraus entwickelte Plattform) hat weltweit viele Namen. Er heißt auch Ora Haomao, Ora Good Cat, Ora ES11, GWM Ora und Ora 02 Cat. Nun ja. So sei es.

Und mögen die Namen auch alle recht ähnlich wie gleichzeitig irgendwie unterschiedlich klingen, sind die technischen Grundvoraussetzungen immer identisch. Es gibt weltweit drei Akkugrößen und zwei Leistungsstufen, wovon es die beiden größeren Stromspeicher und die stärkere Motorversion hier nach Deutschland geschafft haben. Folgende Daten sind dann die unseres Testwagens ... ein Topmodell. Klar.

Schnelle Daten GWM Ora 03 400 Pro+
Motor 1 Permanentmagnet-Synchronmotor (PSM)
Getriebe Eingang-Getriebe
Antrieb Frontantrieb
Leistung 126 kW
Drehmoment 250 Nm
Preis ab 35.490 Euro

Wir sprechen hier also von 171 PS in der alten Leistungswährung und 250 Nm Drehmoment. Gespeist aus einem 63-kWh-Akku und losgelassen auf die Vorderachse über ein Eingang-Getriebe. Soweit so normal. Der Preis für den Topantrieb mit der besten Ausstattung? Mindestens 35.490 Euro. Viel Geld für ein (noch) No-Name-Produkt auch China, oder? Wer mit weniger Komfort und Technik zurecht kommt, kann auf die Variante ohne "+" zurückgreifen und 3.000 Euro sparen. Wer den kleinen Akku und das Basismodell wählt, ist schon mit 26.990 Euro dabei. Aber genug der Fantasien. Zurück zu unserem Dauertester.

Bildergalerie: GWM Ora 03 (2024, Bilder zum Dauertest)

Den hat uns der deutsche Importeur für anfangs drei Monate (später wurden es dann doch knapp vier Monate) zur Verfügung gestellt, damit wir für Sie herausfinden können, ob der ehemalige Funky Cat nicht nur schick aussehen, sondern auch den Alltag unter deutscher StVO bewältigen kann. Mit längeren Ausflügen, wenn uns danach ist. Die Ergebnisse? Zwiespältig!


Design | Interieur | Ausstattung | Alltag | Langstrecke | Fazit


Design

Wenn wir schon bei Zwiespältigkeit sind, zäumen wir die Ex-Katze optisch mal von hinten auf. Denn vor allem das Heck des Ora 03 polarisiert. Die Rückleuchten sind unterhalb und trotzdem quasi in der Heckscheibe untergebracht (richtig nervig bei Dunkelheit, wenn das Bremslicht gleichzeitig für Rotlicht-Ambiente im Innenraum sorgt) und das bewirkt makellose Rundungen der Heckschürze. Ungewöhnlich, aber vom Design her zumindest mal eine andere Herangehensweise.

Die Front ist dagegen recht gefällig. Irgendwo eine Mischung aus Mini und VW Beetle ... mit einem Hauch von Porsche. Am häufigsten bekommt man aber den Mini-Vergleich an den Kopf geworfen. Wenn man dann zurückwirft, dass der Chinese und der Brite auch noch Verwandt sind, gibt es meist lange Gesichter. Vor allem eingefleischte Mini-Fans ärgert der Umstand, dass die Marke seine Seele erst an BMW und dann in den fernen Osten verkauft hat.

GWM Ora 03 (2024) im Dauertest

GWM Ora 03 (2024) im Dauertest

Bilder von: InsideEVs
GWM Ora 03 (2024) im Dauertest

GWM Ora 03 (2024) im Dauertest

Ebenfalls für Gesprächsstoff sorgt die Farbe. "GALAXY BEIGE/BROWN" nennt der Hersteller die Lackierung. Dabei würden wir den braunen Ton sogar erkennen. Was an dem Fahrzeug aber in Beige lackiert sein soll, sieht nach Lichteinfall schon eher lachsfarben oder gar rosa aus. Beim allwöchentlichen Krabbelkurs schindet man bei den anderen Müttern mächtig Eindruck, im normalen Alltag braucht man aber schon eine gewisse Portion Selbstbewusstsein.

Abmessungen & Gewichte GWM Ora 03 400 Pro+
Länge x Breite x Höhe 4.235 mm x 1.825 mm x 1.603 mm
Radstand 2.650 mm
Kofferraumvolumen 228 - 858 Liter
Leergewicht (inkl. Fahrer) 1.615 - 1.655 kg
Zulässiges Gesamtgewicht 1.970 kg
Zuladung 315 - 355 kg

Optisch ansprechend ist der 03 aber trotzdem. Er ist knuffig und fällt auf. Und er wirkt deutlich kleiner, als er tatsächlich ist. Er ist nämlich in seiner Grundfläche so groß wie ein aktueller VW Golf. Etwas kürzer, aber dafür breiter. Verrückt.

Interieur

Besonders verrückt ist es, beim Blick in den Kofferraum. Zwar lässt sich der Platz durch die zweigeteilte Rückbank auf bis zu 858 Liter erhöhen, bei aufgestellter Lehne passen aber gerade einmal 228 Liter ins Gepäckabteil. Zum Vergleich: Das ist in etwa VW-Up-Niveau. Und selbst der schluckte mit 250 bis 923 Liter noch mehr als der Ora. Aber viel Gepäck wäre sowieso nicht drin. Schließlich ist die Zuladung von 315 bis 355 kg (je nach Ausstattung) mit vier durchschnittlichen Erwachsenen eh schon ausgereizt.

GWM Ora 03 (2024) im Dauertest

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Bild von: InsideEVs

Aber egal ... der 03 hat nämlich andere Qualitäten. Die liegen in der Materialwahl, der Verarbeitung und dem allgemeinen Design des Interieurs. Das ist nämlich nicht nur ziemlich gelungen, sondern auch weit weg von dem Ambiente, was man sonst so bei diesen Fahrzeugpreisen erwarten würde.

GWM Ora 03 (2024) im Dauertest

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Bilder von: InsideEVs
GWM Ora 03 (2024) im Dauertest

GWM Ora 03 (2024) im Dauertest

Darüber hinaus wurde der im Kofferraum eingesparte Platz für die Passagiere im Fond gespendet, die sich über ordentliche Werte bei der Bein- und Kopffreiheit freuen können. Worüber man sich wieder streiten könnte? Die Farbgebung des Testwagen-Innenraums. Es wird Fans dieser Mischung geben, wir würden ein schlichtes Schwarz bevorzugen.

Ausstattung

Hier geht es reichhaltig zu. Egal ob nun für den persönlichen Komfort, die eigene Sicherheit oder die Sicherheit der anderen Verkehrsteilnehmenden. Ein intelligenter Fahrassistent, ein autonomer Notbremsassistent, ein Ausweichassistent, ein Querverkehrsassistent hinten mit Notbremsfunktion, ein Notlenkassistent und eine 360°-Grand-Rundumsichtkamera sind an Bord. Dazu gibt es Sitzkühlung, Sitzheizung, Massage, Lenkradheizung, Apple CarPlay oder Android Auto und einen ziemlich guten Sprachassistenten.

GWM Ora 03 (2024) im Dauertest

GWM Ora 03 (2024) im Dauertest

Bild von: InsideEVs

Gesteuert wird alles über die – schon wieder dem Mini recht ähnlichen – Kippschalter sowie die Tasten am Lenkrad und das Infotainment-System. Eigentlich beste Voraussetzungen. Zumindest solange, bis dann doch der Alltag anfangen soll. Und wenn es da nur die umständliche Bedienung der Klimaanlage wäre ...

Alltag

Aber ... dieser Alltag holt einen ganz schnell zurück in die Realität. Allerdings nicht bei den Fahreigenschaften selbst. Denn bis auf die eine oder andere Überforderung des ESP bei zu starken Beschleunigungsversuchen und etwas zu früh einsetzendem Untersteuern, fährt sich der Ora 03 echt angenehm. Selbst das in China oft vernachlässigte Fahrwerk macht eine gute Arbeit und der Verbrauch und die Reichweite können sich ebenfalls sehen lassen. Chapeau, Great Wall.

Fahrleistungen GWM Ora 03 400 Pro+
0-100 km/h 8,2 Sek.
Höchstgeschwindigkeit 160 km/h
Verbrauch 16,5 kWh/100km (WLTP) / 15,3 - 22,8 kWh/100km (Testverbrauch)
Reichweite 420 km (WLTP) / ca. 300 - 350 km (Praxiserfahrung)

Wo es hapert? Leider an so vielen Kleinigkeiten, in die man sich dann auch ganz gut reinsteigern kann. Das Fahrerüberwachungssystem nervt beispielsweise ganz gewaltig. Und zwar bei der kleinsten Unachtsamkeit mit bescheuertem Gelaber, das auf Dauer sogar immer unfreundlicher mit seinen Hinweisen wird.

Dazu will die Notlenkfunktion des Spurhalteassistenten auf der Landstraße dann auch alle 15 Sekunden heftig mitmischen. Kann man beides zum Glück ausschalten. Muss man aber bei jedem Fahrtantritt von neuem erledigen.

GWM Ora 03 (2024) im Dauertest

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Bilder von: InsideEVs
GWM Ora 03 (2024) im Dauertest

GWM Ora 03 (2024) im Dauertest

Ebenfalls irgendwie uncool (wenn auch weniger sicherheitsrelevant): Das Infotainment-System stürzte in unserem Testzeitraum öfter mal ab. Besonders in Verbindung mit dem kabellosen Apple CarPlay ging der Bildschirm entweder ganz aus oder das System fror ein und man konnte nichts mehr machen. Außer rechts ran fahren. Auto aus, Auto an. Fertig.

Langstrecke

Hier kann der Ora 03 tatsächlich liefern, was die Datenblätter versprechen. Überzeugt hat uns hier besonders die sehr realitätsnahe Anzeige der Restreichweite. Während bei anderen Fahrzeugen nach fünf Minuten entspannterer Fahrweise gleich wieder 50 km mehr in den Akkus sind oder nach einem beherzten Tritt aufs Gas gleich 50 km fehlen, bleibt der Ora halbwegs konstant. Selbst bei längeren Fahrten.

Ladeperformance GWM Ora 03 400 Pro+
Akkukapazität 63 kWh (brutto) / 59,1 kWh (netto)
Chemie Nickel-Mangan-Cobalt-Akkumulator
Max. Ladeleistung AC / 3-phasig / Typ 2 11 kW
Max. Ladeleistung DC / CCS 67 kW
Ladedauer (AC) an 11 kW Ladestation 0-100% ca. 6,5 h
Ladedauer (DC) an Schnellladestation 15-80% 48 min

Ein bisschen nervig könnte es werden, wenn die gewünschte Fahrstrecke über etwa 1,5 Akkuladungen hinausgehen sollte. Also alles was länger als rund 500 km ist. Denn am DC-Schnelllader schafft der 03 maximal 67 kW. Im Vergleich zur Konkurrenz ein mittlerweile recht schwacher Wert, der Geduld erfordert. Aber wann fährt man schon mal solche Strecken (mit einem potenziell eher als Zweitwagen vermarkteten Fahrzeug)? Bei uns war es in vier Monaten ein einziges Mal.

GWM Ora 03 (2024) im Dauertest

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Bilder von: InsideEVs
GWM Ora 03 (2024) im Dauertest

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Fazit

Bei einem günstigen Leasing-Angebot auf Zeit kann man den Aufbruch in Richtung Osten in jedem Fall wagen. Man bekommt nämlich viel E-Auto für vergleichsweise wenig Geld. Gepäck muss allerdings auf der Strecke bleiben und mit dem einen oder anderen Soft- oder Hardware-Bug muss man sich zu arrangieren wissen.

Und wenn man doch kaufen möchte, gibt es zumindest einige Gewährleistungen. Und zwar 5 Jahre ohne Kilometerbegrenzung auf das gesamte Fahrzeug, 8 Jahre oder 160.000 km auf die Hochspannungsbatterie, 12 Jahre auf das Korrosionsschutzprogramm und 5 Jahre auf den Lack.