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VW ID.4 emittiert mittelbar 114 g CO2 pro km, sagt der ADAC

Ist das Auto damit auch nicht viel umweltfreundlicher als ein Diesel? Ein Kommentar zu einer diskussionswürdigen Zahl

Laut ADAC-Test soll der VW ID.4 mittelbar 114 g CO2 pro km emittieren

Stefan Leichsenring Stefan Leichsenring

Von: Stefan Leichsenring

13. Mai 2021 um 08:53 Uhr

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114 Gramm: Dieser Wert hat uns kürzlich ein wenig aufgerüttelt. Er stammt aus dem ADAC-Test des VW ID.4. Das soll die Menge CO2 sein, die ein ID.4 mittelbar emittiert, wenn er mit normalem Strom aus dem deutschen Netz gefahren wird. 

Wir haben den Wert aus unserem Bericht über die ADAC-Testergebnisse entfernt, weil wir finden, dass er vom eigentlichen Thema ablenkt, und das sind für uns die interessanten Ergebnisse zu Bedienung und Fahrverhalten. Der CO2-Wert hat nichts mit dem ID.4 als solchem zu tun, sondern mehr mit der Stromerzeugung, bei der immer noch fossile Energieträger verbrannt werden. Ob eine solche Angabe sinnvoll ist, darüber haben wir uns ein paar Gedanken gemacht.

"Der gemessene Durchschnittsverbrauch mit Ladeverlusten: 22,8 kWh auf 100 Kilometer, was zu einer errechneten CO₂-Bilanz von 114 Gramm je Kilometer nach aktuellem deutschen Strommix führt und für die Fahrzeuggröße gut ist. Wer mit Ökostrom oder über die eigene Photovoltaik-Anlage "tankt", hat selbstredend eine bessere CO₂-Bilanz." (ADAC-Testbericht zu ID.4)

Basis für die Rechnung ist laut der PDF-Langversion des Tests eine Angabe des Umweltbundesamts für das Berichtsjahr 2021, wonach bei der Stromproduktion derzeit durchschnittlich 500 Gramm CO2 pro Kilowattstunde erzeugt werden:

"Aus den 22,8 kWh/100 km errechnet sich eine CO2-Bilanz von 114 g pro km (Basis deutscher Strommix von 500 g/kWh (2020 vom UBA veröffentlichter Wert, für das Berichtsjahr 2021)." (PDF-Version des Tests)

[Nachtrag vom 14. Mai 2021: Leser Steffen S. wies uns darauf hin, dass der letzte vom Umweltbundesamt veröffentlichte Wert für die CO2-Emissionen bei der Stromerzeugung bei 401 Gramm/kWh lag; dieser Wert ist eine Hochrechnung für 2019. Damit ergeben sich für den VW ID.4 rund 91 g/km.]

Insofern ist alles korrekt. Wie vom ADAC bemerkt, kann man höchstens darüber diskutieren, ob der deutsche Strommix relevant ist, wenn man ausschließlich Grünstrom tankt oder der Strom aus der eigenen Solaranlage stammt. Allerdings: Auch im letztgenannten Fall könnte man den selbst erzeugten Strom zur deutschen Stromproduktion hinzurechnen; schließlich könnte der Strom ja auch ins Netz abgegeben werden.

[Nachtrag vom 20. Mai: Leser Sven B. weist darauf hin, dass nur mit 100 Prozent Ökostrom betriebene Wallboxen förderfähig sind. Damit dürften viele Elektroautos zumindest bilanziell klimaneutral geladen werden.]

"Die Angabe der mittelbaren CO2-Emission könnte dazu führen, dass der Leser mit den NEFZ-Werten von Verbrenner-Autos vergleicht."

Aber wir haben ein anderes Problem: Die Angabe der mittelbaren CO2-Emission dürfte dazu führen, dass so manche Leserin und so mancher Leser mit den NEFZ-Werten von Verbrenner-Autos vergleicht. Ein VW Tiguan 2.0 TDI mit 150 PS und Frontantrieb emittiert zum Beispiel 121 g/km, also nur sechs Prozent mehr. Da wird sich so mancher denken: "Gut, dann nehme ich den Tiguan und fahre sechs Prozent weniger, das kommt aufs Gleiche raus."

Leser Sven N. hat uns auf ein wichtiges Gegenargument hingewiesen: Wenn man beim Elektroauto die Stromproduktion mit berücksichtigt, müsste man dann nicht bei einem Dieselauto auch die Produktion des Treibstoffs mit einrechnen? Angeblich entsteht bei der Ölgewinnung, bei der Raffinierung und beim Transport von Diesel gar nicht so wenig CO2. Nach einem offenbar gut recherchierten Artikel müsste man dann auf die Angabe nach NEFZ noch etwa 24 Prozent draufrechnen, und der Diesel-Tiguan würde bei etwa 150 Gramm pro Kilometer landen (statt bei 121).   

Außerdem wird ein Auto nicht für ein Jahr gekauft wird und der deutsche Strommix dürfte sich wohl mehr und mehr in Richtung erneuerbarer Quellen verschieben – durch die Vorgaben des Klimaschutzgesetzes und wohl noch mehr durch höhere CO2-Preise an den Börsen, die Kohle als Energieträger mehr und mehr unwirtschaftlich machen.

Und noch etwas. Selbst wenn das E-Auto genauso viel CO2 emittiert wie ein Verbrenner: Ist die Umstellung auf Elektromobilität nicht trotzdem besser? Es ist, als säßen wir in einem Boot, bei dem das Wasser durch zwei Lecks eindringt. Wenn ich das eine verschließe, habe ich die Gefahr verkleinert. Weniger bildhaft formuliert: Unserer Ansicht nach ist es besser, die CO2-Probleme im Verkehrssektor unabhängig von denen bei der Stromerzeugung zu behandeln.

"Ein jeder kehre vor seiner Tür,
und rein ist jedes Stadtquartier." (J.W. v. Goethe)

Die Autoindustrie tut unserer Meinung nach gut daran, auf Elektromobilität umzuschwenken. Wenn sie damit warten würde, bis der Strom klimaneutral produziert wird, würde viel Zeit verschenkt. Diese Zeit kann genutzt werden, um die Ladeinfrastruktur aufzustellen, die Batterietechnik zu optimieren und die Rohstoff-Fragen zu lösen. Außerdem hilft die Elektromobilität, die CO2-Emissionen im Verkehrssektor zu senken, wo der Ausstoß seit Jahren stagniert oder sogar noch anwächst. 

Mehr zum Thema CO2:

CO2-Verringerung: Flotten-Zielwerte für 2021 sollten niedrig ausfallen

Neun EU-Staaten fordern Enddatum für den Verbrennungsmotor

Aber vielleicht sollte man dem ADAC auch zugute halten, dass er mit seiner Angabe auf die Problematik der noch nicht klimaneutralen Stromproduktion aufmerksam macht. Bei uns hat er es jedenfalls geschafft, dass wir wieder mal über dieses Thema nachgedacht haben.

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