Als ich Ende 2021 das erste Mal hinter dem Steuer des Opel Rocks-e saß, war ich zuerst ziemlich zwiegespalten. Nach einer Testrunde durch die Innenstadt und die umliegenden Ortsteile von Frankfurt am Main kam ich aber zu einem recht positiven Urteil. Der Gesamteindruck passte. Im urbanen Umfeld.

Doch wie schlägt sich das Sustainable Urban Mobility-Fahrzeug (SUM), wenn man damit das Landleben bestreiten will? Ein Dauertest sollte die Antwort finden ...

Per Anhänger ins Niemandsland

Opel hat mir deshalb nach meinem Stadt-Test (hier geht's zum entsprechenden Artikel) ein Exemplar des 45-km/h-Winzlings per Anhänger in den Hintertaunus gebracht. In ein Dorf, das zwar über einen kleinen Bahnhof und eine Bushaltestelle verfügt, dem es aber ansonsten an jeglicher Infrastruktur mangelt. Kein Einkaufszentrum, kein Ärztehaus, keine Schule, kein Kindergarten, kein Supermarkt. Nicht einmal ein Bäcker oder ein Metzger gibt es hier. Nur jede Menge Platz. Wovon der Rocks-e eigentlich nicht wirklich viel benötigt.

Opel Rocks-e (2022) im Dauertest
Opel Rocks-e (2022) im Dauertest

Auf unserem Hof bin ich dann aber dankbar, dass der Stadtflitzer lautlos in eine unserer Garagen fahren kann. Und das obwohl darin schon drei Motorräder und sechs Fahrräder stehen. Alles einfach ein wenig zusammenschieben, Opel abstellen, den Stecker mit seinem 3-Meter-Verlängerungskabel aus der Tür ziehen und an den Haushaltsstrom anschließen. Garage zu.

Ladepunkte sind hier einfach zu finden. Jetzt heißt es nur noch 3,5 h warten. Schon ist der 5,5 kWh-Akku voll und bereit für nach WLTP-Zyklus ermittelte 75 km. Ins nächste Dorf zum Supermarkt und zurück sind es sechs Kilometer. Ich dürfte diese Strecke also mindestens zehn Mal fahren können.

Die Rocks-e-Gelegenheiten sind selten

So vergeht die erste Woche mit dem Rocks-e und ich fahre ihn ... kein einziges Mal. Nach meiner Proberunde in der Mainmetropole weiß ich zwar, dass er direkt, agil und super spaßig ist, aber irgendwie will er sich nicht in meinen Alltag integrieren. Oder ich will ihn nicht integrieren. Wenn das Wetter gut ist, erledige ich die Einkäufe lieber mit dem E-Mountainbike.

Macht halt noch mehr Spaß und man kann über die schönen Waldwege fahren. Wenn das Wetter schlecht ist, erledigt meine Partnerin die spontanen Einkäufe, wenn sie Abends aus dem Ballungszentrum ihre 40-Kilometer-Pendelstrecke zurück in die vermeintliche Einöde absolviert.

In der zweiten Testwoche scheint sich dann eine Rocks-e-Gelegenheit zu ergeben. Es regnet, die Freundin legt einen Homeoffice-Tag ein und endlich kann ich am Abend trockenen Hauptes und Fußes sowie mit 63 Liter Stauraum eine Ausfahrt machen. Der Plan steht. Bis uns auffällt, dass auch eine Ladung Getränke ganz gut wären. Und das Grundnahrungsmittellager könnte auch mal wieder aufgefüllt werden.

Also steige ich doch wieder in ein konventionelles Auto. Darf ich ja. Ich bin ja schon über 18 Jahre alt und habe irgendwann mal einen normalen Pkw-Führerschein gemacht. Ich muss also nicht mit einem AM-Lappen ein Fahrzeug der L6e-Klasse fahren.

Opel Rocks-e (2022) im Dauertest

So verstreicht die Zeit und der witzige Einstiegs-Opel fristet sein Dasein in der gleichen Garage, in der auch meine Motorräder abgestellt sind und die ebenso selten an die frische Luft kommen.

Testfahrt des Unbekannten mit Bekannten

Als sich in der dritten Testwoche aber Besuch aus der Großstadt ankündigt, ahne ich, dass jetzt die Zeit des Rocks-e gekommen ist. Ich öffne also bereits vor Ankunft das Garagentor, sodass man das zur Front baugleiche Heck mit seinen runden LED-Rückleuchten erst gar nicht übersehen kann.

Die Freunde betreten den Hof, sehen ein ungewöhnliches Fahrzeug und die erste Frage kommt prompt: "Was ist das denn für ein Krankenfahrstuhl?". Mist. Vielleicht hätte ich rückwärts einparken sollen. Dann wäre der angedeutete Opel-Vizor präsenter und der erste Blick hätte nicht auf das Versicherungskennzeichen und den riesigen 45-km/h-Aufkleber fallen können.

Opel Rocks-e (2022) im Dauertest
Opel Rocks-e (2022) im Dauertest

Ich erkläre den hippen Urbanauten also, um was es sich handelt. Eine günstige Mobilitätsergänzung mit 6 kW starkem Elektromotor. Irgendwo angesiedelt zwischen Lastenrad, E-Scooter, ÖPNV auf der einen und klassischem Automobil auf der anderen Seite. Für Kurier- oder Pflegedienste. Oder für Jugendliche ab 15 Jahre, die so ein Fahrzeug praktischer und cooler finden als ein Mofa oder einen Roller.

Verkaufsförderung, Verkaufsförderung ...

Der Plan geht auf und nach meinen vielleicht etwas verkaufsfördernden Argumenten und Ausführungen zu "Sustainable Urban Mobility", will einer unserer Tagesgäste in meinem Opel Rocks-e in der TeKno-Ausstattung (das ist das 8.790 Euro teure Top-Modell mit Radkappen, Neon-Akzenten und ebenfalls neonfarbenen Plastik-Einlagen fürs Armaturenbrett) Platz nehmen und eine Runde drehen.

Opel Rocks-e (2022) im Dauertest

Also ab auf die Landstraße. Testfahrt mit einem unbeschriebenen Beifahrer-Blatt. Und so erzähle ich noch was von kurzzeitigen 9 kW, die der E-Motor zur Verfügung stellen kann und schon macht der Taunus, was der Taunus eben so macht. Er liefert eine Steigung. 45 km/h sind hier Wunschdenken. Vor allem, wenn auf die 471 kg Leergewicht noch gut 180 kg an Menschenmasse hinzukommt.

Mit gerade 20 km/h nehmen wir also die 17-Prozent-Bergetappe und natürlich bildet sich sofort eine unangenehme Fahrzeugschlange hinter uns, die sich schwer tut, das zweispurige Mini-Mobil zu überholen.

Landleben mit einem SUM? Schwierig!

Oben angekommen fühlt sich mein Beifahrer nicht wohl. Und ich ehrlich gesagt auch nicht. Während man in Innen- oder Vorstädten nämlich ziemlich easy mitschwimmen kann, wird man im ländlichen Raum zu einem schwer umfahrbaren Landstraßen-Hindernis. Und weil dem Gitterrahmen-Gerät jegliche Knautschzonen und Sicherheitsfeatures fehlen (ja, sogar Airbags gibt es nicht), entscheiden wir uns zur Umkehr. Jetzt aber bergab. Mit 60 km/h. Laut Tacho. Huiuiui.

Was bleibt ist die Erkenntnis, dass ich wohl nicht für ein permanentes Leben mit dem Rocks-e gemacht bin. Und das ich mich möglicherweise schon so eingefahren mit den bisherigen Möglichkeiten arrangiert habe, dass es schwer ist, ein gut laufendes System zu verändern.

Mein Kurzzeit-Mitfahrer ist trotzdem halbwegs begeistert von dem Opel. Allerdings mit einem anderen Hintergedanken. Er will das SUM-Auto seiner Mutter vorschlagen, die anscheinend perfekt in das Nutzerinnen-Profil zu passen scheint. Und so kann der Winzling vielleicht in Zukunft dort etwas Land gewinnen. Denn das Potenzial hat er in jedem Fall. Für mich reicht es aber nicht.

Bildergalerie: Opel Rocks-e (2022) im Dauertest

Opel Rocks-e TeKno

Motor Elektromotor
Getriebeart 1-Gang-Kraftübertragung
Leistung 6 kW (Nenndauerleistung) // 9 kW (Maximalleistung)
Beschleunigung 0-100 km/h Nein (ca. 10 s bis 45 km/h)
Höchstgeschwindigkeit 45 km/h (laut Tacho sogar 46 km/h)
Batterie 5,5 kWh
Elektrische Reichweite 75 km (WLTP)
Aufladezeit 3,5 h (mit 1,8 kW)
Länge 2,41 m
Breite 1,39 m (ohne Außenspiegel)
Höhe 1,52 m
Leergewicht 471 kg (inkl. Akku)
Kofferraumvolumen 63 l
Anzahl der Sitze 2
Basispreis 7.990 Euro
Trim Base Price 8.790 Euro (in Ausstattungslinie "TeKno")