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Polestar 4 (2025) im Langstreckentest: Ambivalente Reiselimousine

Ein komfortabler Innenraum und Reichweiten jenseits der 600 Kilometer scheinen ideal zum Verreisen

Polestar 4 (2025) im Langstreckentest
Bild von: InsideEVs.de

Was wurde zum Erscheinen nicht heiß über die Optik des Polestar 4 diskutiert. Eine Limousine ohne Heckscheibe? Darf man das? Und wozu das Ganze überhaupt? Sieht man da nicht wahnsinnig schlecht? Dabei wissen wir doch alle: die Inneren Werte zählen!

Und die scheinen beim Polestar 4 im Paket erst einmal zu stimmen. Der 100-kWh-Akku, die versprochenen 620 Kilometer Reichweite in der Long Range-Single-Motor-Variante und einiges an Komfort lassen zudem vermuten: der Schwede ist ein perfekter Reisebegleiter. Ob die Nummer Vier tatsächlich auf der Langstrecke überzeugt? Dafür haben wir ihn einfach mal auf den Weg von Bochum nach Weimar geschickt.

Bildergalerie: Polestar 4 (2025) im Langstreckentest

Über die A44 ging es raus aus dem Pott. Eine Landschaftlich idyllische Zubringerfahrt über die B400 brachte mich über die A4 direkt nach Weimar. 358 Kilometer für eine Strecke. Insgesamt also ordentliche 716 Kilometer. Genug Zeit, um Komfort, Fahrassistenz, Überblick, Fahrverhalten, Fahrwerte und Lademöglichkeiten zu beobachten.

Vorausgesetzt, der Polestar 4 lässt Sie auch einsteigen. Denn zwei Mal verklemmte sich der Türgriff an der Fahrertür und fuhr nicht selbstständig aus, was eine Endlosschleife aus neuen Versuchen zur Folge hatte.

Schnelle Daten Polestar 4 Long Range Single Motor 
Antrieb Permanentmagnetmotor mit Flüssigkühlung / Heckantrieb
Systemleistung / max. Drehmoment  200 kW (272 PS) / 343 Nm
0 - 100 km/h 7,1 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit 200 km/h
Stromverbrauch / Reichweite (WLTP) 17,4 kWh - 18,4 kWh / 620 km
Akku (netto) 100 kWh (400-Volt-System)
Max. Ladeleistung / 10 - 80 Prozent 200 kW / 30 Minuten
Preis 61.900 Euro

Nur einem waghalsigen Manöver zum Dank und der grausigen Möglichkeit vor Augen, sich den Finger ordentlich im Griff einzuklemmen, konnte ich das Schauspiel mit einem gezielten Zug verhindern – unversehrt. Da lobe ich mir die Standard-Bügelgriffe am Polestar 2.

Nur Annemlichkeiten unterwegs?

Einmal ins Innere gelangt, bietet der Polestar 4 jedoch genug Raum, um entspannt zu reisen – auch im Fond. Eine angenehme Sitzposition ist mit etlichen Einstellungsmöglichkeiten vorne und hinten schnell gefunden. Zudem gibt es eigene Klimazonen und sogar ein kleines Display mit Informationen für die Passagiere auf der Rückbank.

Mit 526 Litern bietet der Polestar genug Raum für Gepäck. Für etwaige Unterhaltung an Bord sorgt das Android-basierte Infotainment-System – so lässt sich beispielsweise bequem Spotify öffnen, ohne das Smartphone einbinden zu müssen. Der Klang des Harman-Kardon-Soundsystem lässt sich individuell auf Vorlieben anpassen und drückt einen klaren, angenehmen Sound durch die Membrane. Wer sich verspannt fühlt, kann sich auf den beiden vorderen Sitzen massieren lassen.

Polestar 4 (2025) im Langstreckentest

Polestar 4 (2025) im Langstreckentest

Polestar 4 (2025) im Langstreckentest

Polestar 4 (2025) im Langstreckentest

Polestar 4 (2025) im Langstreckentest

Polestar 4 (2025) im Langstreckentest

Bilder von: InsideEVs.de
Bilder von: InsideEVs.de

Eigentlich ist hier alles auf Reisen getrimmt. Sicherlich eher für ein erwachsenes Publikum als für die Familie mit Kind und Hund. Lediglich die Rundumsicht ist tatsächlich gewöhnungsbedürftig. Das liegt nicht nur an der fehlenden Heckscheibe, sondern auch an den hohen Seitenwänden, den zu klein geratenen Außenspiegeln (Transporter tragen nicht ohne Grund große Ohren) und dem zu weit hinten platzierten Innenspiegel.

Letzterer ist besonders ärgerlich für kleinere Personen, die weit vorne sitzen müssen. Selbst ich mit einer Durchschnittsgröße von 1,76 Meter saß gefühlt auf einer Linie mit dem Spiegel. Zwar lässt der sich weit nach links drehen, da die Ausrichtung aufgrund der digitalen Heckdarstellung über eine Kamera egal ist.

Dennoch war der Spiegel nicht wie gewohnt in meinem Blickfeld zu entdecken. Ich musste regelmäßig den Blick von der Straße abwenden, um den Kopf nach rechts oben zu drehen, damit ich sehen konnte, was hinter mir vorgeht. Das ist eben vor allem auf langen Fahrten nervig, wenn das Verkehrsaufkommen nicht mit einem kurzen Heben der Augen zu überblicken ist. Der Aufmerksamkeitswarner meldet sich hier zu recht!

Polestar 4 (2025) im Langstreckentest

Polestar 4 (2025) im Langstreckentest

Bilder von: InsideEVs.de
Polestar 4 (2025) im Langstreckentest

Polestar 4 (2025) im Langstreckentest

Bilder von: InsideEVs.de

So fühlt man sich audiovisuell insgesamt etwas zu abgeschottet von der Straße, gerade weil auch die Dämmung einen großartigen Job macht. Aber letzteres will ich dem Polestar 4 jetzt wirklich nicht als Schwachpunkt auslegen. Schließlich ist Ruhe unterwegs entspannend für das Gemüt.

Helfer oder Antagonist?

Toll am Polestar 4 ist hingegen seine ruhige und souveräne Fahrdynamik. Wuchtige Räder, tiefer Schwerpunkt, langer Radstand: den Schweden bringt so schnell nichts aus der Ruhe. So lässt es sich entspannt auf der Autobahn dahingleiten. Gerne auch mal jenseits der Richtgeschwindigkeit. Ein Stückchen 160 bis 180 km/h? Nummer Vier rollt unbeeindruckt weiter, zieht vor allem akkurat durch. Damit geht ihm hinten raus nicht die Luft aus, wie bei anderen E-Vertretern jenseits der 120-km/h-Grenze.

Polestar 4 (2025) im Langstreckentest

Polestar 4 (2025) im Langstreckentest

Polestar 4 (2025) im Langstreckentest

Polestar 4 (2025) im Langstreckentest

Polestar 4 (2025) im Langstreckentest

Polestar 4 (2025) im Langstreckentest

Bilder von: InsideEVs.de
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Für die Langstrecke ist die Single-Motor-Variante perfekt geeignet. Mehr Leistung als die 200 kW braucht es trotz 2,2 Tonnen Gewicht nicht. Der Polestar 4 ist für anfallende Reiseaufgaben bestens motorisiert. Auch auf der Landstraße macht er eine stabile und zwischenzeitlich durchaus spaßige Figur. Denn die Lenkung kann individuell angepasst werden. So erreicht der Schwede ein direktes, agiles Fahrverhalten.

Mir gefällt das, andere könnten bei der Dämpfung vermutlich etwas mehr Komfort vertragen – gerade als Reisemobil. Den Komfort bringt er jedoch mit echtem One-Pedal-Driving in die Stadt. Zudem ist das Ändern der Rekuperationsstufen über einen Schnellzugriff auf dem Infotainment sofort zu finden. So kann fix zwischen Segeln oder Zwischenstufen gewechselt werden.

Abmessungen Polestar 4 Long Range Single Motor
Länge x Breite x Höhe 4.840 x 2.067 x 1.534 mm
Radstand 2.999 mm
Gewicht 2.230 kg
Max. Zuladung 455 kg
Kofferraumvolumen 526 - 1.536 Liter (+15 Liter Frunk)
Max. Anhängelast 1.500 kg
Max. Stützlast 100 kg

K

Weniger angenehm agieren etwaige Assistenten. Der Spurhalteassistent beispielsweise greift beherzt ins Lenkrad, wenn Sie sich den Außenlinien nähern – der Fahrassistent arbeitet zumindest bei optimalen Bedingungen solide. Heißt: am helllichtem Tage, auf trockener Fahrbahn, bei luftigem Verkehr, in keiner Baustelle.

Bei letzteren hat der Polestar 4 zeitweise Probleme, der passenden Linienführung nachzugehen. Schlimmer wird es jedoch im Regen. Auf der Rückfahrt von Erfurt hat der Schwede bei Starkregen mehrmals kräftig am Lenkrad gezogen, weil die Sensoren auf der spiegelnden Oberfläche wohl keine ausreichend kontrastierenden Markierungen gefunden haben. Das kann gefährlich werden, wenn da jemand nicht hellwach ist. Eine automatische Abschaltung mit Info wäre in dieser Situation vorteilhafter.

Polestar 4 (2025) im Langstreckentest

Polestar 4 (2025) im Langstreckentest

Bilder von: InsideEVs.de
Polestar 4 (2025) im Langstreckentest

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Bilder von: InsideEVs.de

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Wo ist der Stecker?

Wer lange fährt, muss irgendwann laden. 200 kW maximale Ladegeschwindigkeit schafft Nummer Vier mit seinem 400-Volt-System in der Spitze. Leider hält der Schwede die Maximalleistung wirklich nur sehr kurz, bevor die Ladekurve eher in Richtung 150 kW absackt. Mit Blick auf die versprochenen 30 Minuten von zehn auf 80 Prozent scheint die loungige Limo ihr Versprechen dennoch zu halten.

An besagtem sonnigen Wochenende im Juni saugte sich der Polestar 4 von 21 auf 76 Prozent in knapp 25 Minuten. Das reicht locker für weitere 350 Kilometer Autobahn bei einem Schnitt von 114 kW Ladeleistung. Wer es eilig hat, sollte ihn dann auch dringend vom Strom nehmen. Für die restlichen Prozente werden noch einmal 30 Minuten fällig. Hier sinkt die Ladeleistung Richtung 50 kW auf zuletzt 23 kW ab.

Dabei kann sich der Verbrauch tatsächlich sehen lassen. Die 17,4 kWh haben wir bei vorwiegender Autobahnfahrt (zwischen 130-160 km/h) natürlich nicht erreicht, aber auf den insgesamt 716 Kilometern von Bochum nach Weimar und zurück genehmigte sich der Polestar 4 bloß 19,8 kWh im Schnitt.

Polestar 4 (2025) im Langstreckentest

Polestar 4 (2025) im Langstreckentest

Bilder von: InsideEVs.de
Polestar 4 (2025) im Langstreckentest

Polestar 4 (2025) im Langstreckentest

Bilder von: InsideEVs.de

Eine Kombination aus Stau, Regen, Landstraße und Aerodynamik brachte das 2,2-Tonnen-Gefährt am Ende also knapp unter die 20. Damit ist weiterhin ausreichend Reichweite vorhanden, um die jeweiligen Umkreise zu erkunden oder das Fahrzeug genüsslich über Nacht im Hotel aufzuladen.

Was kostet der Polestar 4 und gibt es da noch andere?

Der Polestar 4 beginnt als Long Range Single Motor mit 200 kW und 100-kWh-Akku bei 61.900 Euro. Die Long-Range-Dual-Motor-Variante mit 400 kW und 590 Kilometern Reichweite startet regulär hingegen erst bei 69.900 Euro. Polestar bietet jedoch in regelmäßigen Abständen immer mal Rabattaktionen an – beobachten, geduldig sein, Geld sparen!

Die Konkurrenz kommt beispielsweise direkt aus Paris mit dem neuen DS N°8. Der startet als Pallas mit 169 kW und maximal 749 Kilometern Reichweite bei 57.700 Euro. Das Tesla Model Y kostet mit vergleichbarer Reichweite mindestens 49.990 Euro, ist aber weniger Premium. Der BMW i4 steigt bei 57.600 Euro mit bis zu 514 Kilometern Reichweite ein (210 kW). Eine ähnliche Reichweite mit bis zu 613 Kilometern ist beim Bayern ebenfalls ab 60.600 Euro zu haben.

Fazit:

Mit Reichweite und Fahrdynamik ist der Polestar 4 eigentlich prädestiniert für lange Reisen. Assistentenfunktion, Design und die eingeschränkte Sicht nach Hinten muss man aber wollen. Wer das mit sich vereinbaren kann, bekommt ein eigenwilliges Gefährt mit aufgeräumtem, stylischen und komfortablen Innenraum – inklusive eines geräumigen Kofferraums.

Wird ein Allrounder oder gar ein Familienfahrzeug gesucht, statt einer loungig eingerichteten, erwachsenen Reiselimousine, gibt es jedoch bessere Alternativen, die auch individuell vielfältigere Nutzungen ermöglichen. Dann ist man mit einem größeren VW ID.7 Tourer ab günstigeren 54.905 Euro wesentlich effektiver unterwegs.