China denkt angeblich über Verbot von bündigen Türgriffen nach
Obsiegt die höhere Crashsicherheit von traditionellen Griffen gegen die schicke Optik und bessere Aerodynamik planer Griffe?
Bündig in die Karosserie integrierte Türgriffe sind schick, sie sorgen für eine "cleane" Optik. Aber immer wieder erreichen uns Zuschriften von Lesern, in denen die Sicherheit bei einem Crash angezweifelt wird. Auch der ADAC hat sich bereits kritisch geäußert. Nun denken offenbar die chinesischen Behörden über ein Verbot der planen Griffe nach.
Geplant sei ein umfassendes Verbot vollständig versenkbarer Türgriffe in der gesamten chinesischen Autoindustrie, berichtet CarNewsChina unter Berufung auf Medienberichte. Als Grund werden Sicherheitsrisiken und Funktionsmängel genannt. Der Entwickler eines Autoherstellers verriet einem chinesischen Medium, dass ein Verbot von vollständig versenkbaren Türgriffen diskutiert werde. Halb versenkbare und traditionelle Griffe sollten zulässig bleiben, müssten aber künftig eine "mechanische Redundanz" bieten, also eine zweite Möglichkeit, die Tür zu öffnen.
Angeblich soll noch im September ein Entwurf für eine entsprechende Norm fertiggestellt werden. Dabei soll es eine einjährige Übergangsfrist geben; die Durchsetzung soll im Juli 2027 beginnen. Ab diesem Datum dürfen in China verkaufte Neufahrzeuge dann nur noch sichere Türgriffe besitzen. Die Nachricht löste verständlicherweise in der chinesischen Autobranche große Wellen aus, denn viele Elektroautos aus China haben bündige Türgriffe, so zum Beispiel die von Nio oder Xpeng. Auch Modelle von Hyundai, Kia oder Tesla haben solche Griffe.
Nio hat Bügelgriffe, die von einem Motor ausgefahren werden (Bild: ET5 Touring)
Bündige Türgriffe gibt es in verschiedenen Ausführungen. So nutzt Xpeng einen physischen Hebel, der beim Entriegeln ausklappt, oder den man durch Daumendruck ausklappen kann. Unser Titelbild zeigt einen solchen Hebel vom neuen G6. Nio dagegen nutzt einen Bügel, der von einem Elektromotor ausgefahren wird. Beide Typen stehen jedoch wegen Sicherheitsproblemen in der Kritik.
Die versenkten Griffe senken den Luftwiderstand. Doch sollen Dokumente des amerikanischen Ingenieursverbands SAE zeigen, dass sich der cW-Wert nur um 0,005 bis 0,01 verbessert, so der Bericht, was nur zu minimalen Einsparungen führe. Diese könnten zudem durch das Mehrgewicht von sieben bis acht Kilogramm durch Motoren und Mechanik wieder zunichtegemacht werden.
Hinzu kommt, dass bündige Türgriffe angeblich dreimal teurer sind als konventionelle Griffe. Die Ausfallrate soll jedoch achtmal höher sein, was für erhöhte Reparaturkosten sorgt. So sollen defekte Türgriffe bei einem Autohersteller für 12 Prozent aller Reparaturen verantwortlich sein, wobei oft ein kostspieliger Austausch nötig sei.
Der Audi A6 e-tron hat Bügelgriffe, die nicht herausstehen. Außerdem gibt es eine mechanische Entriegelungsmöglichkeit, falls die elektrische Entriegelung versagt.
Noch schwerer dürften Sicherheitsprobleme wiegen: Bei Unfällen mit Stromausfall oder Feuer können elektrische Türgriffe sowohl außen als auch innen funktionsunfähig werden. Das erschwert Rettungsmaßnahmen und die Flucht der Insassen. Auch eingefrorene Türgriffe können das Öffnen verhindern. Es gab sogar schon Berichte über Kurzschlüsse durch Starkregen während der Monsun-Saison.
Der ADAC schrieb im April 2024, versenkbare Griffe erschwerten die Rettung durch Laien, aber auch durch Rettungskräfte. Allerdings würden die Griffe bei einem Crash in der Regel automatisch entriegelt. Eine mechanische Lösung für das Ausfahren der Türgriffe biete die besten Chancen, dass die Türen nach einem Crash die Türen von außen geöffnet werden können. Ein stabiler Bügelgriff vereinfache jedenfalls das Öffnen von verklemmten Türen.
Neben den Türgriffen stoßen auch andere Designtrends in China auf Kritik, darunter der Verzicht auf physische Bedienelemente im Cockpit zugunsten der Bedienung über den Touchscreen. In Europa hat die EuroNCAP-Organisation bekannt gegeben, dass Fahrzeuge, die keine physische Bedienelemente haben für Funktionen wie Blinker, Warnblinkanlage, Hupe, Scheibenwischer und Notrufe, ab 2026 nicht mehr volle fünf Sterne erhalten.
Unter dem Strich
In China erwägen die Behörden offenbar ein Verbot von versenkten Türgriffen. Wenn es kommt, dürften auch die hierzulande angebotenen Fahrzeuge von Nio oder Xpeng keine bündigen Griffe mehr haben, denn diese kleinen Hersteller werden wohl kaum zweierlei Griffe anbieten. Möglicherweise sind auch Tesla und europäische Hersteller betroffen. Also Schluss mit bündigen Türgriffen? Das fänden wir schade, weil wir die Optik schätzen. Aber Sicherheit geht natürlich vor ...
Quelle: CarNewsChina, ADAC (2024)
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