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Kia EV9 (2024) mit 385-PS-Allrad im Test: Groß sein Vater

Wir packen Kind und Kegel und stromern mit dem siebensitzigen Full-Size-SUV in den Urlaub ...

Kia EV9 AWD GT-line (2024) im Test
Bild von: InsideEVs

Es ist drei Jahre her, dass Kia auf der LA Auto Show 2021 die Tücher vom EV9 Concept zog. Mit nur geringen Design-Änderungen (beim Exterieur deutlich weniger als beim Interieur) ging die Studie dann im ersten Halbjahr 2023 in die Serienproduktion. Die Markteinführung in Europa liegt jetzt ein Jahr in der Vergangenheit. Es ist also Zeit, um dem Elektro-Full-Size-SUV mal ein bisschen Urlaubs- und Alltagstauglichkeit zu attestieren, oder?

Was ist das? 

Um ehrlich zu sein? Immer noch ein ziemliches Einhorn auf dem Markt. Und das liegt nicht nur daran, dass wir hier ein mehr als ausgewachsenes Siebensitzer-SUV mit E-Antrieb vor uns haben. Auch die E-GMP-Plattform des Hyundai-Konzerns mit 800-Volt-Technik ist nach wie vor eher die Ausnahme als die Regel. Nur Porsche und Audi sowie hierzulande relativ kleine Hersteller wie Lotus, XPeng, Rimac, Lucid Motors oder Hongqi haben aktuell Modelle mit dieser doppelt so hohen Spannung wie die Konkurrenz auf dem Markt. Das wars.

Schnelle Daten Kia EV9 AWD GT-line 
Motor & Getriebe Permanentmagneterregte Synchronmaschine (vorne & hinten) / 1-Gang-Reduktionsgetriebe
Antrieb Allradantrieb
Leistung 283 kW (385 PS)
Drehmoment 700 Nm
Preis ab 82.380 Euro (ab 83.190 Euro in der "Launch Edition" mit Glasdach)

Unser Testwagen ist natürlich das Vollfett-Modell. Zumindest noch so lange, bis Kia sich entscheidet eine GT-Version à la EV6 mit wahrscheinlich den gleichen 430 kW (oder sogar etwas mehr) auf den Markt zu bringen. Heißt: Wir haben 283 kW und durch die "GT-line Launch Edition" auch 700 anstatt "nur" 600 Nm, die sich auf beide Achsen verteilen. Und selbstverständlich ist jedes Feature an Bord, das man sich im Bestellprozess in den EV9 ordern kann. Familienvaters Liebling? Wir werden sehen ...


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Exterieur | Interieur | Fahrbericht, Reichweite und Ladeperformance | Fazit


Exterieur

Erster Eindruck? Gewaltig. Obwohl wir eigentlich große Kisten gewöhnt sind und unser privater Hof recht ausladend ist. Selbst den eigenen Opel Vivaro lässt der Koreaner irgendwie winzig erscheinen. Und das liegt nicht nur an den Ausmaßen des Kia.

Das Design trägt ebenfalls dazu bei. Kanten, Sicken und riesige Flächen mit farblich abgesetzten Radläufen und Seitenschwellern sowie die unfassbar fette Front tun ihr Übriges. Wir haben einen Urlaub in einem niederländischen Feriendorf geplant und bekommen plötzlich Angst, ob der EV9 überhaupt in den Park passt.

Was gewaltig aus sieht, wiegt übrigens auch gewaltig viel. Je nach Ausstattung kommen da bis zu 2,7 Tonnen zusammen. Leer versteht sich. Mit der maximalen Zuladung (und die erreichen wir bei zwei Erwachsenen, einem Kind, einem Hund und Gepäck für alle für eine Woche) liegt man flott bei 3,2 bis 3,3 Tonnen und damit haarscharf an der B-Führerschein-Grenze von 3,5 Tonnen. Hoppla. 

Abmessungen & Gewichte Kia EV9 AWD GT-line
Länge x Breite x Höhe 5.015 mm x 1.980 mm (ohne Außenspiegel) x 1.780 mm (inkl. Dachreling)
Radstand 3.100 mm
Kofferraumvolumen 333 - 2.318 Liter
Leergewicht 2.664 - 2.723 kg (ausstattungsabhängig)
Zuladung max. 576 kg
Anhängelast 750 kg (ungebremst) / 2.500 kg (gebremst bei 12% Steigung)

Und so sorgt der etwas kantig geratene Kieselstein in "Pebble Gray Metallic" für reichlich Aufsehen. Egal ob auf der Autobahn oder im sich immer etwas falsch anfühlenden Stadtverkehr. Zehn Quadratmeter Grundfläche hat dieser Kia. Kein Wunder, dass da vor allem die jungen Leute ein bisschen neidisch glotzen. Ihre WG-Zimmer sind nämlich in der Regel nicht unbedingt größer. Und die Mieten dürften sich halbwegs mit den Leasingraten decken.

Interieur

Platz. Ohne. Ende. Und damit wäre eigentlich so gut wie alles gesagt. Wenn die beiden zusätzlichen Sitze im Kofferraum elektrisch umgeklappt sind, passen ein Kinderwagen (sogar noch mit Baby-Aufsatz), reguläres Gepäck samt Verpflegung und ein mittelgroßer Hund rein. Nur der Hochstuhl muss in den Fond umziehen. Das ist schon eine Hausnummer. Und wenn das alles nicht reichen würde, gibt es immer noch einen Frunk (bei uns reserviert für die Ladekabel) oder eine Anhängelast von bis zu 2,5 Tonnen. Uff.

An Variabilität mangelt es dem EV9 nicht. Alles ist einzeln umklapp- oder verschiebbar und alles und jeder findet seinen Platz. Auch in der ersten Reihe, wo eine Mittelkonsole entspannt 2-Liter-Flaschen in den Cupholdern aufnimmt. Und in allen anderen Fächern dieser Konsole zusätzlicher Platz für einen halben Hausstand wäre. Ungelogen. Da kann man gut Ordnung halten. Oder eben Dinge in den Tiefen der Fächer verlegen.

Aufgeräumt ist auch das Armaturenbrett, das Infotainment-System an sich und das Kombiinstrument hinterm Lenkrad ebenfalls. So kennt man es von Kia. Wir würden die Bedienung insgesamt gerne mit Modellen von BMW vergleichen. Wenn man sich einmal reingefuchst hat, macht es richtig Bock.

Einziger negativer Kritikpunkt am umfangreichen Inneren des EV9? Die Materialanmutung und die Verarbeitung könnte an manchen Stellen etwas besser sein. Außerdem werden an einigen Punkten Oberflächen verwendet, die nach mehreren 10.000 Kilometern wahrscheinlich nicht mehr allzu schön aussehen dürften. Weil empfindlich. Teilweise sogar gegenüber so einfachen Dingen wie ... Fingernägeln?!

Fahrbericht, Reichweite und Ladeperformance

Bevor wir in dieses Kapitel einsteigen, muss noch einmal kurz zusammengefasst werden: Wir bewegen jetzt ein Full-Size-SUV mit der Optik eines Transformers, das vollbeladen über drei Tonnen wiegt und das so groß und so windschnittig ist wie eine Studentenbude (nur schicker eingerichtet). Und zwar mit Strom. Über 450 km weit. Kann das gut gehen?

Bildergalerie: Kia EV9 AWD GT-line (2024)

Es kann. Und wie. Nicht nur das man sich trotz des Gewichts im fließenden Verkehr den umringenden Teilnehmenden immer etwas überlegen fühlt, man ist es in der Regel auch. Man schaut also nicht nur buchstäblich auf all die anderen SUVs und Crossover herab.

Wenn es darauf ankommt, versenkt man sie auch. Mit Kind und Kegel an Bord. Denen es dabei noch nicht einmal schlecht wird, da Kia den EV9 in nahezu allen Fahrsituationen beherrschbar und vor allem ultra-komfortabel ausrichtet. Ganz so, wie man das von einem Raumschiff aus der Zukunft erwartet.

Fahrleistungen und Ladedaten Kia EV9 AWD GT-line
0-100 km/h 5,3 Sek.
Höchstgeschwindigkeit 200 km/h
Verbrauch 22,8 kWh/100km (WLTP) / 23,5 kWh/100km (Testverbrauch)
Reichweite 505 km (WLTP) / ca. 400 km (Praxiserfahrung)
DC-Ladeleistung / DC-Ladedauer max. 210 kW / ca. 24 min (10 - 80%)
Batterie (Kapazität, Chemie, Gewicht) 99,8 kWh / NMC-Lithium-Ionen-Polymer-Akku / 566,5 kg

So gondeln wir eigentlich immer recht entspannt auf unseren ersten Ladestopp nahe der niederländischen Grenze zu und stöpseln den EV9 mit rund 35 % SOC an den 300-kW-Schnelllader. Jetzt heißt es: Kind versorgen, Hund ausführen, selbst auf Toilette gehen und schon sind mehr als 30 Minuten vergangen und der Kia ist wieder bei über 90 %. Mehr als genug für die restlichen 200 km. Am Ende hätte uns auch eine 10-Minuten-Pause zum Nachladen gereicht. Mit den erwähnten Familien-Aufgaben aber eigentlich nicht machbar. Maximal 210 kW DC-Ladegeschwindigkeit sind eben schneller als der Alltag.

505 Kilometer sollen es laut WLTP-Zyklus an Reichweite sein. Praktisch kann man mit rund 400 Kilometern rechnen. Der fast 100 kWh großen Batterie sei Dank. Aber auch der Verbrauch an sich kann sich sehen lassen. Wir kommen auf durchschnittlich 23,5 kWh/100km. Umgerechnet wären das nicht einmal 2,5 Liter Diesel auf 100 km. Und das, obwohl wir alles andere als eine Wanderdüne auf der Bahn waren.

Fazit

Man will ein elektrisches SUV mit 7 Sitzen mit dem man problemlos lange Strecken zurücklegen kann, das 2,5 Tonnen an den Haken nimmt, das in Sachen Fahrleistungen und Komfort Laune macht und das auch noch nach Science-Fiction-Film aussieht? Ganz ehrlich? Es gibt zum Kia EV9 keinerlei Alternative.

Vor allem nicht zu dem Preis. Für rund 83.000 Euro ist die Hütte voll. Ohne Abstriche. Da fängt beim einzigen aktuell wirklich vergleichbaren Modell – dem Volvo EX90 – der Spaß gerade erst an. Basispreis des China-Schweden? 83.700 Euro. Ohne Allrad. Ohne Extras. Selbst die zwei zusätzlichen Sitze kosten 2.300 Euro Aufpreis.