Werdende Eltern kennen das Problem: Wie soll der Nachwuchs heißen? Während später in der Schulklasse fünfmal Mia und viermal Leon kein Problem sind, suchen Autohersteller nach einzigartigen Lösungen. Kia hat es clever gelöst und seine kommenden Elektroautos schlicht "EV" plus Ziffer getauft.

Den Kia EV6 im BMW-3er-Format kennen wir schon, EV3 bis EV5 sind bereits angekündigt und kommen bis 2025. Sogar EV1 und EV2 sind nicht ausgeschlossen, aber besonders kleine Elektroautos günstig hinzubekommen, wird dauern. Deshalb bringt Kia nun erst einmal am anderen Ende der Modellpalette ein besonderes Riesenbaby auf den Markt. Sagen Sie Hallo zum EV9.

Bildergalerie: Kia EV9 (2023) im Test

Was ist das?

Fünf Meter lang, zwei Meter breit, 3,10 Meter Radstand, mindestens 2,5 Tonnen schwer: Der Kia EV9 ist fraglos eher für Märkte wie die USA konzipiert worden. Braucht man den lautlosen Brummer auch hierzulande? Zumindest ist er wie fast alle Modelle von Kia interessant gestylt.

Das markante SUV mit der bulligen Front kombiniert weich gezeichnete große Flächen wie Motorhaube und Türen mit klaren Linien und kantigen Elementen wie der hinteren Fenstergrafik, den Radhäusern und den Abdeckungen der Leichtmetallfelgen (Grundversion: 19 Zoll; GT-line: 21 Zoll).

Kia EV9 (2023) im Test

Ein charakteristisches Design zeigen auch das LED-Tagfahrlicht und die LED-Rückleuchten, deren Grafik an die Darstellung von Sternbildern angelehnt ist. Trotz aller Kantigkeit ist die Aerodynamik (cW-Wert: 0,28) überraschend gut. Dazu tragen aktive Luftklappen und "Air Curtains" im Frontstoßfänger bei.

Wenig überraschend bietet der dickste Kia im hiesigen Modellprogramm einen großzügigen und variablen Innenraum: Sitzheizung und Sitzventilation in den ersten beiden Sitzreihen (zweite Reihe: äußere Sitze), Lenkradheizung und im GT-line Entspannungssitze vorn inklusive Beinauflage ("Premium-Relaxation-Sitze") plus Fahrersitz mit Massagefunktion sowie elektrisch höhen- und tiefenverstellbares Lenkrad.

Zwar gibt es den Kia EV9 auch als Siebensitzer, doch besonders interessant sind die Sechssitzer-Varianten (optional für GT-line). Die zwei Einzelsitze in der zweiten Reihe sind wahlweise als Entspannungssitze oder als drehbare Sitze erhältlich (schwenkbar um 90 Grad zur geöffneten Tür hin oder um 180 Grad in Richtung dritter Reihe).

Kia EV9 (2023) im Test
Kia EV9 (2023) im Test

Letztere helfen zum Beispiel beim Befestigen von Kindersitzen oder erleichtern bei Bedarf den Einstieg, etwa für Senioren. Eine in die Mittelkonsole integrierte ausziehbare Ablage dient als Tisch zwischen den Sitzen der zweiten Reihe. Wirklich durchdachte Ideen, versuchen Sie das mal in einem VW ID. Buzz.

Und auch der Kofferraum des EV9 ist wahrhaft buzzös: 333 Liter stehen bei aufrechter Position aller Sitze zur Verfügung, bis zu 828 Liter bei umgeklappter dritter Reihe (Siebensitzer: 807 Liter; jeweils bis Fensterhöhe). Werden auch die Lehnen der zweiten Reihe umgeklappt, entsteht ein Laderaum mit ebenem Boden und einem Volumen von bis zu 2.393 Litern (Siebensitzer: 2.318 Liter, jeweils bis Dachhöhe). Weiteren Stauraum bietet der so genannte Frunk vorn (beleuchtet, AWD: 52 Liter, RWD: 90 Liter). Zum Vergleich: 1.121 bis 2.205 Liter sind es beim normalen ID. Buzz.

Locker übertrumpft wird der VW bei der Anhängelast. Bis zu 2.500 Kilogramm kann der Kia EV9 ziehen, die Stützlast von 125 Kilogramm ermöglicht die Mitnahme von E-Bikes. Praktisch ist auch die serienmäßige "Vehicle-to-Load"-Funktion (V2L), mit der sich der Fahrzeugakku entweder über einen Adapter am Ladeanschluss oder über die Steckdose im Gepäckraum als 220-Volt-Stromquelle nutzen lässt.

Kia EV9 (2023) im Test

Das Cockpit des EV9 ist wie gehabt sehr digital, gewöhnungsbedürftig sind die "unsichtbaren" Tasten in der mittigen Zierleiste. Hier ging Form vor Funktion, ansonsten wirft die Bedienung keine großen Fragen auf.

Wie fährt er sich?

Dann kann es ja losgehen! Bis zu 563 Kilometer kann der Hecktriebler (150 kW/204 PS) mit einer Akkuladung zurücklegen. Die 283 kW (385 PS) starke Allradversion und deren betont sportliche Variante GT-line knacken ebenfalls die 500-Kilometer-Marke (AWD: 512 km; AWD GT-line: 505 km; jeweils kombinierte Reichweite nach WLTP).

Und dank der 800-Volt-Schnellladetechnologie lässt sich der 99,8-kWh-Akku unter Idealbedingungen in 24 Minuten von 10 auf 80 Prozent aufladen. Binnen 15 Minuten kann so Strom für bis zu 249 km Reichweite getankt werden.

Kia EV9 (2023) im Test

Sehr komfortabel gleiten wir über südfranzösische Straßen, das Fahrwerk bügelt auch gröbere Schlaglöcher gekonnt weg. Mehrlenkerachsen sei Dank. Allzu eng dürfen die Wege aber nicht sein, schon ohne Außenspiegel ist der EV9 fast zwei Meter breit, mit Ihnen sogar 2,25 Meter. Apropos Außenspiegel: Wer es braucht, bekommt auch eine Kameralösung. 

Was wir auch schon bei Hyundai-Modellen festgestellt haben, ist die nervige Tempolimit-Warnung, die schon bei 2 km/h zu viel herumbimmelt. Sie kann zwar abgeschaltet werden, ist aber beim nächsten Start des Fahrzeugs wieder aktiv. Denn ... so will es eben das Gesetz. Eine Schnellwahl-Funktion am Lenkrad (so löst beispielsweise BMW dieses Problem) wäre auch hier eine gute Sache.

Bedingt durch das hohe Gewicht des EV9 (allein die Batterie wiegt 566 kg) pendelt der Verbrauch zunächst in 20er-Regionen, bei mäßiger Fahrweise erreichen wir aber eine 16 vor dem Komma. Respekt! Zumal Kia selbst 22,3 kWh auf 100 km für den AWD angibt, auf den der Löwenanteil der Bestellungen entfallen sollen.

Kia EV9 (2023) im Test

Das kostet er

Durchaus naheliegend, denn der deutlich schwächere RWD ist nicht so deutlich günstiger: Die Preise starten in Deutschland bei 72.490 Euro für den EV9 mit Heckantrieb und 76.490 Euro für die Allradversion. Die GT-line kostet ab 82.380 Euro und die nahezu voll ausgestattete GT-line Launch Edition ab 83.190 Euro. Allerdings ist jeder EV9 schon fast komplett ausgestattet, die möglichen Extras umfassen etwa die Sitz-Pakete.

Die 7-Jahre-Kia-Herstellergarantie schließt die Batterie mit ein. Kia bietet den Käufern des EV9 zudem spezielle Vorzüge. Dazu gehören eine Neufahrzeug-Premium-Mobilitätsgarantie, ein kostenloser erster Wartungsservice nach 24 Monaten bzw. 30.000 Kilometern und eine exklusive EV9-Kundenhotline.

Private Kunden, die den Stromer bis zum 31. Dezember dieses Jahres verbindlich bestellen, erhalten darüber hinaus Vergünstigungen beim Ladeservice Kia Charge, in den auch Europas führendes Schnellladenetzwerk Ionity sowie ab Dezember Aral Pulse einbezogen sind.

Sie sparen drei Jahre lang die monatliche Grundgebühr für den Tarif "Kia Charge Advanced" sowie für die von Kia angebotenen Ionity- und Aral-Pakete mit vergünstigten Strompreisen. Darüber hinaus erhalten sie gratis ein Kia Charge-Ladeguthaben in Höhe von 1.200 Euro, mit dem sich Strom für rund 10.000 Kilometer Fahrstrecke tanken lässt.

Fazit:

Keine Frage, der Kia EV9 ist ein Strom-Straßenkreuzer. Riesige Stückzahlen sind in Europa nicht zu erwarten, dafür sind jetzt und in Zukunft die niedrigeren Nummern zuständig. Aber der EV9 ist auch eher als Aushängeschild für das, was machbar ist, gedacht. Unserer Meinung nach ist er eine prima Alternative zum kaum günstigeren VW ID. Buzz, lädt aber schneller, fährt flotter, ist genauso variabel und bietet neben einer unglaublichen Anhängelast auch Vorteile bei Garantie und Wartung.

Kia EV9 AWD (2023)

Motor Zwei Permanentmagnet-Synchronmaschinen
Leistung 283 kW (385 PS)
Max. Drehmoment 600 Nm (GT-line: 700)
Getriebeart Reduktionsgetriebe
Antrieb Allrad (Dual Engine)
Beschleunigung 0-100 km/h 6,0 Sek. (GT-line: 5,3)
Höchstgeschwindigkeit 200 km/h
Länge 5.010 mm (GT-line: 5.015)
Breite 1.980 mm
Höhe 1.755 mm (GT-line: 1.780)
Kofferraumvolumen 333 - 2.393 Liter
Leergewicht 2.625 - 2.749 kg (je nach Anzahl Sitze)
Zuladung 542 - 615 kg
Anhängelast 2.500 kg
Batterie Lithium-Ionen, 99,8 kWh
Elektrische Reichweite 505 - 512 km (je nach Bereifung)
Verbrauch 22,3 - 22,8 kWh/100 km (je nach Bereifung, WLTP)
Ladeanschluss 3-phasig AC 10,5 kW, DC 210 kW
Aufladezeit ca. 9:05 h (AC 10 -100 %), ca. 24 Min. (DC 10-80 %)
Basispreis 76.490 Euro (Stand November 2023)