Der Mercedes EQS soll nach Datenblatt mit bis zu 200 kW laden können. Das ist allerdings nur die maximale Ladeleistung. Wie schnell sich ein Auto aufladen lässt, hängt aber von der durchschnittlichen Ladeleistung ab.

Wie hoch diese ist, schätzen wir in dieser Schnelllade-Analyse anhand eines Videos von Autogefühl ab. (Das Video sehen Sie ganz unten in diesem Artikel). Es enthält eine Ladekurve, die von Mercedes bereitgestellt wurde – diese dürfte also den Optimalfall abbilden.

Das Diagramm erscheint in dem englischsprachigen Video bei etwa 4:45. Es dürfte sich auf die EQS-Batterie mit 107,8 kWh Netto-Kapazität beziehen, denn der angekündigte 90-kWh-Akku startet erst später.

Ladekurve

Die maximale Ladeleistung liegt nach dem Diagramm sogar etwas über den von Mercedes angegebenen 200 kW. Diese wird bereits bei etwa 5 Prozent Ladestand (SOC) erreicht. Bis etwa 25 Prozent wird diese Leistung gehalten. Dann sinkt die Leistung allmählich auf etwa 115 kW bei 80 Prozent ab – immer noch eine sehr respektable Ladeleistung.

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Ladedauer: Kürzer als von Mercedes angegeben

Laut Mercedes dauert ein Ladevorgang von 10 bis 80 Prozent 31 Minuten. Die hier betrachtete Ladekurve von Mercedes zeigt noch bessere Werte: Der Ladevorgang von 10 bis 80 Prozent SOC dauerte etwa 28 Minuten, also drei Minuten weniger als vom Hersteller versprochen. Ein Ladevorgang von 20 bis 80 Prozent dauerte etwa 25 Minuten und die gesamte Ladesitzung (ca. 4-81%) dauerte rund 31 Minuten.

Durchschnittliche Ladeleistung: 155 kW

Die durchschnittliche Ladeleistung im Bereich von 20 bis 80 Prozent beträgt 155 kW, der Wert ist in unserem Diagramm unten mit einem schwarzen Kästchen markiert. Das sind stolze 75 Prozent des Maximalwerts. Aber das Beste ist, dass konstant gute Ladeleistungen erzielt werden. In unserem Diagramm sind daher keine orangen oder roten Kästchen zu sehen, sondern nur grüne und gelbe:

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C-Raten: Bis zu 1,8C

Die so genannte C-Rate gibt an, wie sich die Ladeleistung zur Brutto-Kapazität des Akkus verhält. Zum Beispiel wird 1C erreicht, wenn der Akku in einer Stunde vollgeladen wird. Beim Mercedes EQS dürfte die Brutto-Kapazität des Akkus schätzungsweise bei etwa 115 kWh liegen. Um den Akku in einer Stunde zu laden, wäre eine durchschnittliche Ladeleistung von 115 kW nötig. Würde das Vollladen nur eine halbe Stunde dauern, wäre 2C erreicht. Dazu wäre dann aber die doppelte Ladeleistung von durchschnittlich 230 kW nötig.

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Unser Diagramm oben zeigt die wirklich erreichten C-Raten. Die maximale C-Rate liegt bei ca. 1,8C . Mercedes reizt die Schnelllade-Fähigkeiten seiner Batterien wohl nicht ganz aus, aber 1,8C ist immer noch ein solider Wert.

Die durchschnittliche C-Rate bei 20 bis 80 Prozent SOC ist 1,35C .

Reichweite nachladen: 5,4 min für 100 km

Die WLTP-Reichweite des EQS mit Hinterradantrieb (EQS 450+) wird mit 770 Kilometern angegeben (neuerdings mit 780 km, aber hier gingen wir noch vom alten Wert aus). Wer noch weiter fahren will, muss nachladen und interessiert sich dann dafür, wie lange er oder sie an der Säule warten muss, um wieder Strom für weitere 100, 200 oder 2300 Kilometer zu haben. Dieser Wert hängt von der durchschnittlichen Ladeleistung, aber auch vom Stromverbrauch ab.

Den Stromverbrauch des Mercedes EQS 450+ berechnen wir hier aus der WLTP-Reichweite von 770 km und der verfügbaren Batteriekapazität von 107,8 kWh. Danach benötigt der EQS 450+ etwa 14,0 kWh pro 100 km. Teilen wir die durchschnittliche Ladeleistung von 155 kW durch diesen Wert (genau gesagt: 155.000 W geteilt durch 8.400 Wmin/km), so erhalten wir 18,5 km/min. 100 Kilometer Reichweite nachzuladen, dauert also kaum mehr als fünf Minuten. Das entspricht ungefähr den Angaben von Mercedes. Denn danach kann man beim EQS 450+ in 15 Minuten Strom für weitere 300 km nachladen.

Die hohe Reichweite und die Sparsamkeit resultieren also in einer beeindruckenden Geschwindigkeit beim Reichweite-Nachladen. Ein sehr guter Wert ist auch die maximale Geschwindigkeit beim Reichweite-Nachladen von etwa 25 km/min, die unser Diagramm unten zeigt. Mit diesen Werten liegt der EQS auf dem Niveau der besten Elektroautos auf dem Markt.

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Vergleich mit Tesla Model S und Hyundai Ioniq 5

Vergleichen wir den Mercedes EQS nun mit einigen anderen, kürzlich analysierten Elektroautos:

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Beim Vergleich der Ladekurven fällt auf, dass der EQS (rote Kurve) nicht so hohe Spitzenwerte bietet wie die Teslas (schwarz und blau). Das Niveau der Ladeleistung ähnelt mehr der des Hyundai Ioniq 5, die Kurve weist aber weniger Sprünge auf. Und die Ladeleistung sinkt nicht so rasch ab wie bei den beiden Teslas.

Vergleichen wir nun die durchschnittlichen Ladeleistungen und die Ladezeit:

Schnelllade-Vergleich: Ladeleistung und Ladedauer
Modell Antrieb /
Batterie brutto
(kWh)
Ladeleistung
maximal
Ladeleistung
Durchschnitt
(20-80%)
Ladedauer
(20-80%)
Mercedes EQS 450+ (107,6 kWh) RWD
ca. 115 kWh
207 kW 155 kW 25 min
Tesla Model S Plaid AWD
100 kWh
250 kW 130 kW 27 min
Hyundai Ioniq 5 (72,6 kWh) AWD
77 kWh
224 kW 170 kW 15 min
Tesla Model 3 LR AWD (82 kWh) (V3 SC) AWD
82 kWh
249 kW 94 kW 31 min

Mit der durchschnittlichen Ladeleistung von 155 kW schlägt der EQS das Tesla Model S Plaid und das Model 3, aber der Hyundai Ioniq 5 bleibt mit seinen 170 kW Durchschnittsleistung ungeschlagen. Der EQS hat allerdings auch den größten Akku der vier Autos, und angesichts dieser Tatsache könnte der EQS eigentlich auch noch besser abschneiden – schließlich lassen sich größere Akku in der Regel auch schneller laden.

Bei der Ladedauer für eine Ladesitzung von 20 bis 80 Prozent sieht es ähnlich aus wie bei der durchschnittlichen Ladeleistung: Der EQS liegt mit 25 Minuten vor den beiden Teslas, aber der Hyundai Ioniq 5 braucht deutlich weniger Zeit (wobei der auch eine kleinere Batterie hat).

Sehen wir uns nun die C-Raten im Vergleich an:

  • Mercedes EQS 450+: Maximal 1,8C, durchschnittlich 1,4C (20-80%)
  • Tesla Model S Plaid: Maximal 2,5C, durchschnittlich 1,3C
  • Hyundai Ioniq 5: Maximal 2,9C, durchschnittlich 2,2C
  • Tesla Model 3 LR: Maximal 3,0C, durchschnittlich 1,1C

Hier fällt auf, dass die maximale C-Rate beim EQS deutlich niedriger ist als bei den Teslas und dem Hyundai. Vermutlich agiert Mercedes hier sehr konservativ und möchte den Akku nicht zu sehr belasten. Damit verfolgt die Stern-Marke eine ähnliche Politik wie andere deutsche Premiummarken. Bei den durchschnittlichen C-Raten liegt der Mercedes höher und sogar über den Teslas, während Hyundai die Batterie am stärksten belastet.

Was das Reichweite-Nachladen im Bereich von 20 bis 80 Prozent SOC angeht, steht der Mercedes EQS durch seine große Reichweite und die hohen Effizienz gut da:

  • Mercedes EQS: 18,5 km/min
  • Tesla Model S Plaid: 14,2 km/min
  • Hyundai Ioniq 5: 18,8 km/min
  • Tesla Model 3 LR: 12,5 km/min

Der EQS lädt Reichweite deutlich schneller nach als die beiden Teslas und liegt nicht weit hinter dem Hyundai Ioniq mit seinem 800-Volt-Batteriesystem. Wenn man den Bereich von 10 bis 80 Prozent heranzieht, schlägt der EQS den Ioniq 5 sogar, mit 19,1 km/min gegenüber 19,0 km/min. Hier liegt das Tesla Model S Plaid mit 15,3 km/min wieder deutlich zurück. (Anmerkung: Die Zahlen für das Tesla Model S Plaid wurden mit der geschätzten WLTP-Reichweite von 637 km aus dem deutschen Online-Konfigurator berechnet.)

Fazit

Der Mercedes EQS schneidet beim Schnellladen wirklich gut ab. Er bietet mit seinen etwa 207 kW nicht die höchste Ladeleistung, aber die maximale Leistung steht für eine beträchtliche Zeit zur Verfügung. Auch danach nimmt die Leistung nur langsam ab und erreicht auch noch bei 80 Prozent 115 kW. Dies führt zu einer hohen Durchschnitts-Ladeleistung. Man ist auch nicht unbedingt gezwungen, die Batterie fast leerzufahren, um eine akzeptable Ladegeschwindigkeit zu erhalten.

Dank hoher WLTP-Reichweite und niedrigem Stromverbrauch verzeichnet das Auto nach dem Hyundai Ioniq 5 die zweithöchste Geschwindigkeit beim Reichweite-Nachladen (zumindest im Bereich von 20-80 Prozent).

Der einzige Nachteil des EQS ist, dass er angesichts seiner Akkukapazität (rund 50 % größer als beim Hyundai Ioniq 5!) noch besser abschneiden sollte. Wir gehen davon aus, dass Mercedes die Ladeleistung in Zukunft noch weiter verbessern wird – zum Marktstart war man in Stuttgart wohl lieber erstmal vorsichtig.

Anmerkung: Der Originalartikel von Mark Kane wurde nicht nur übersetzt, sondern auch durch Weglassen einiger Grafiken und Tabellen gestrafft. Die Aussage ist jedoch die gleiche wie bei Mark. 


Das Video von Autogefühl sollten Sie nicht verpassen – nicht nur wegen der Ladekurve. Thomas Majchrzak zeigt darin zum Beispiel, wie sich die Türen von selbst öffnen, wie das Head-up-Display aussieht und erklärt die Rekuperations-Modi. Dabei haben wir gelernt, dass der EQS auch eine intelligente Rekuperation bietet, ähnlich wie der BMW iX. Wir haben das Feature auf unserer iX-Testfahrt ebenso gut gefunden wie der Kollege.

Majchrzak war auch begeistert vom Ambientelicht, von den weichen Kissen an den Kopfstützen (haben wir beider S-Klasse ebenfalls genossen), die große Stille im Innenraum, das Fahrwerk und die Agilität durch die Hinterradlenkung. Weniger gefallen haben ihm die Bedienknöpfe, die allzu komplexen Anzeigen und auch der Sitzkomfort hinten – wo bei Oberklasseautos ja oft der Eigentümer sitzt.