Onvo L60: Gute chinesische Alternative zum Tesla Model Y?
Kollege Kevin von InsideEVs USA hat das Coupé-SUV bereits getestet
In China startete der Onvo L60 bereits im September, bei uns soll das Mittelklasse-Modell im Jahr 2025 auf den Markt kommen. Bisher hat die Marke, die zum Nio-Konzern gehört, allerdings noch nicht einmal eine deutsche Website.
Die ersten Tests stufen den L60 als attraktive Alternative zum Tesla Model Y ein. So auch Kollege Kevin von InsideEVs.com, der den Wagen nun in Shanghai gefahren hat. Wir fassen seine Erkenntnisse zusammen und erweitern sie um Daten und Fakten von CarNewsChina sowie von der chinesischen Onvo-Website.
Maße und Exterieur
Mit 4.828 mm Länge, 1.930 mm Breite und 1.616 mm hat der Onvo ähnliche Maße wie das Model Y. Laut Onvo war das Model Y auch ein Vorbild für den L60. Die Seitenansicht des L60 ist wie beim Model Y die eines Coupé-SUVs, aber die Silhouette ist doch deutlich anders:
Onvo L60 (2025)
Tesla Model Y (2023)
Mit 4,82 m ist der Onvo außerdem sieben Zentimeter länger als der Tesla. Die kommen hauptsächlich dem Radstand zugute, was wiederum die Beinfreiheit auf den Rücksitzen erhöht. Das ist wichtig, denn laut Onvo ist der L60 für die chinesische Großfamilie gemacht, die typischerweise aus Eltern, Großeltern und einem Kind besteht – was bedeutet, dass hinten nicht nur Kinder Platz nehmen, wie bei europäischen Familien. Gut für chinesische wie deutsche Familien: Das helle Kunstleder des Interieurs soll laut Onvo leicht zu reinigen sein.
Der Fond: Großzügige Beinfreiheit dank 2,95 Meter Radstand
Antriebe und Akkus
In China werden Versionen mit Heck- und Allradantrieb sowie mit einer 60 kWh-Batterie oder einem 85-kWh-Akku angeboten. Ausschließlich Permanentmagnet-Synchronmotoren werden verwendet. Beim Allradler wird offenbar der gleiche 240-kW-Motor wie im Hecktriebler genutzt, es kommt aber noch eine 100-kW-Maschine vorne hinzu. Der kleine Akku besteht aus LFP-Zellen der BYD-Tochter FinDreams, der große aus NMC-Zellen von CALB. Insgesamt ergeben sich vier Versionen:
| RWD Std. Range | RWD Long Range | AWD Std. Range | AWD Long Range | |
| Antrieb | RWD 240 kW | RWD 240 kW | AWD 340 kW | AWD 340 kW |
| 0-100 km/h / Spitze | 5,9 Sek. / 200 km/h | 5,9 Sek. / 200 km/h | 4,6 Sek./203 km/h | 4,6 Sek./203 km/h |
| Akku | 60 kWh (LFP) | 85 kWh (NMC) | 60 kWh (LFP) | 85 kWh (NMC) |
| CLTC-Reichweite | 555 km | 730 km | 525 km | 700 km |
| Preis in China | 206.900 Yuan | 235.900 Yuan | 226.900 Yuan | 255.900 Yuan |
| Preis umgerechnet | ca. 27.000 Euro | ca. 31.000 Euro | ca. 30.000 Euro | ca. 33.000 Euro |
Technische Basis des Onvo L60 ist eine Plattform namens NT 3.0. Während alle Nio-Modelle über zwei Elektromotoren und Allradantrieb verfügen, ist der Onvo L60 auch mit Heckantrieb erhältlich. Wie bei Nio lassen sich die Akkus austauschen. Laut Kevin lassen sich die Onvo-Akkus mit 60 bzw. 85 kWh nicht gegen die Nio-Akkus mit 75, 100 und 150 kWh austauschen. Doch die neueren Nio-Swapping-Stations kommen offenbar mit den Akkus zurecht, es müssen nur mehr Batterietypen vorgehalten werden.
Laut Kevin hat der L60 ein 900-Volt-System, und das entspricht den Angaben auf der chinesischen Onvo-Website. Fürs schnelle Laden hat Onvo das jedoch nicht genutzt: CarNewsChina gibt für beide Akkus eine Schellladezeit von 0,42h (also 25 min) an, und das für einen Ladehub von 30 auf 80 Prozent. Daraus errechnet sich eine Ladegeschwindigkeit von 1,7 kWh/min, was selbst für ein 400-Volt-System relativ wenig ist.
Auf seiner Website lobt Onvo das 900-Volt-System primär für den geringen Stromverbrauch: Hohe Spannungen ermöglichen ja bei gleicher Leistung eine geringere Stromstärke, und das senkt den elektrischen Widerstand und damit die elektrischen Verluste. So wird der Verbrauch des L60 je nach Antrieb mit nur 12,1 bzw. 12,7 kWh/100 km angegeben, allerdings nach chinesischer CLTC-Norm.
Cockpit und Bedienung
Deutlicher als das Exterieur erinnert das Interieur an Tesla. Genauer gesagt an das geliftete Model 3. Wie dort wird mit Drehrädchen auf dem Lenkrad geblinkt, nicht mit dem gewohnten Hebel am Lenkrad. Wie bei Tesla gibt es einen großen Touchscreen, aber kein Instrumentendisplay, Onvo hat den L60 jedoch mit einem Head-up-Display ausgestattet.
Das Cockpit erinnert deutlich an Tesla
Materialien und Verarbeitung sind laut Kevin besser als beim Tesla Model Y. Außerdem sollen zum Beispiel die USB-C-Anschlüsse überlegter platziert sein als dort. Insgesamt liege der L60 unter dem Qualitätsniveau eines Premiumautos, aber über einem Volumenmodell. Was für ein so günstiges Auto schon ein dickes Kompliment ist, so Kevin sinngemäß. Allerdings ist zu beachten, dass Elektroautos in China meist viel günstiger sind als bei uns. So kostet das Basis-Model-Y in China laut Konfigurator 249.900 Yuan, was etwa 33.000 Euro entspricht – bei uns gibt es das Model Y erst ab rund 45.000 Euro.
Fahreindrücke
Die chinesische Kundschaft wünscht sich offenbar Autos, die einen vom Verkehr abschirmen. Deshalb werden ein sanftes Handling, eine komfortables Fahrwerk und eine ruhige Kabine verlangt. Für diese Ansprüche sei der L60 gebaut; auf der Rennstrecke werde der Wagen also keine Rekorde aufstellen, schreibt Kevin. Die Lenkung sei zu leichtgängig, die Federung zu weich. Das Fahrverhalten ist souverän, doch die Fahrdynamik dürfte die meisten Europäer oder Amerikaner eher enttäuschen, so das Urteil des Kollegen.
Die Stoßdämpfer seien jedoch gut abgestimmt. Es gebe kein übermäßiges Hüpfen, Nicken oder Rollen, was auf eine sorgfältige Abstimmung hindeutet. Kevin fand den Wagen "angenehm butterweich", insbesondere im Vergleich zum Tesla Model Y, das nach seinem Urteil ziemlich hart und ruckelig fährt. Dagegen ist es im Onvo sehr leise und die Rekuperation ist offenbar deutlich schwächer, was Kevin als angenehm empfand.
Getestet hat der Kollege das Basismodell mit Heckantrieb und 60-kWh-Batterie. Er fand schon die Grundmotorisierung flott, so dass er versteht, warum sie den Hauptanteil der Verkäufe ausmachen soll. Die Reichweite nach CLTC-Norm wird mit 555 km angegeben, was genau ein Kilometer mehr ist als die Model-Y-Basisversion nach chinesischer Norm schafft. Für beide Modelle wird ein Sprintwert von 5,9 Sekunden genannt.
Die Software für das Infotainment kommt wie bei der Schwestermarke von Nio selbst. Der Touchscreen reagiere (wie bei den meisten Tesla-Modellen) ausgesprochen schnell auf Eingaben, auch die Benutzerführung sei ähnlich wie beim Model Y, so Kevin. Das teilautonome Fahren auf Level 2 sei ebenfalls mit Tesla vergleichbar. Das System kam gut mit dem dichten Verkehr in Shanghai zurecht, schaltete aber ab, wenn es zu dicke kam.
Bildergalerie: Onvo L60 (2025)
Fazit
Insgesamt findet Kevin den Onvo L60 in vielen Aspekten besser als das Model Y. Er fahre komfortabler, biete eine bessere Qualität und Verarbeitung und sei praktischer. Tesla hat seine Supercharger-Stationen, aber dafür bietet Onvo den Batterieaustausch an. Zudem ist der L60 günstiger. Das Basismodell des Onvo kostet 206.900 Yuan, bei Tesla jedoch 249.900 Yuan, also 43.000 Yuan oder knapp 6.000 Euro weniger. Weiterer Vorteil: Man kann den Onvo auch ohne Batterie kaufen und Battery as a Service (BaaS) nutzen, was den Preis auf 149.900 Yuan (rund 20.000 Euro) senkt. Dann kommen noch etwa 80 Euro monatlich für die Batteriemiete hinzu.
Trotzdem glaubt Kevin nicht, dass der L60 dem Model Y den Rang ablaufen wird. Denn erstens scheint Nio Probleme zu haben, die Produktion hochzufahren; auch die 85-kWh-Batterie scheint nicht in ausreichenden Mengen zur Verfügung zu stehen. Aber vor allem hat der L60 auf dem heutigen Markt keine Sonderstellung mehr, wie sie das Model Y hatte, als es 2020 auf den Markt kam – heutzutage gebe es Dutzende Modelle à la Model Y.
Wenn das erwartete Facelift beim Model Y so wenig Verbesserungen bringt wie beim Model 3, dann werden ihm die vielen Konkurrenten langsam den Garaus machen, schreibt Kevin. Es wird wie der Tod durch tausend Schnitte sein, zitiert er einen YouTuber zu dem Thema.
Unter dem Strich
Der Onvo L60 ist ein Mittelklasse-SUVs unter vielen: Das scheint das implizite Fazit von Kevin zu sein. Zu den Besonderheiten gehört aber offenbar, dass der Hersteller die hohe Spannungslage von 900 Volt nicht für schnelles Laden genutzt hat, sondern für einen niedrigen Verbrauch. Außerdem scheint die Beinfreiheit im Fond extrem groß zu sein, was aber in China wichtiger ist als bei uns. Auch Fahrwerk und Lenkung scheinen für den chinesischen Markt gemacht zu sein. Ob die europäische Version anders abgestimmt ist, müssen wir abwarten.
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