Kürzlich hat Kollege Tom Moloughney einen Schnelllade-Test des Lucid Air Dream Edition durchgeführt. Dabei ergab sich eine Ladeleistung von bis zu 304 kW. Nun hat Mark Kane von InsideEVs.com die Ergebnisse in einer Schnelllade-Analyse genauer unter die Lupe genommen und dabei auch mit dem Tesla Model S verglichen. 

Die Ladekurve des Lucid Air steigt nach dem Start schnell an und erreicht schon unter 10 Prozent Ladestand (SOC) die besagten 304 kW. Danach fällt die Kurve kontinuierlich ab:

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Durchschnittliche Ladeleistung: 154 kW

Der gesamte Ladevorgang (von 0 bis 100 Prozent) dauerte 1:22 Stunden. Wichtiger ist die Ladedauer bis 80 Prozent SOC, denn die Batterie komplett aufzuladen, ergibt wegen der stark nachlassenden Ladeleistung wenig Sinn. Für den Ladehub von 10 bis 80 Prozent ergibt sich eine Ladedauer von etwa 34 Minuten, von 20 bis 80 Prozent waren es 31 Minuten.

Die durchschnittliche Ladeleistung zwischen 20 und 80 Prozent SOC lag bei 154 kW. Das etwa so viel wie beim Audi e-tron, der auf 149 kW kam und beim Mercedes EQS (155 kW). Für ein Auto mit 900-Volt-System ist das eher enttäuschend.

C-Rate: Durchschnittlich 1,3C

Insgesamt gab die Ladesäule 134 kWh an das Auto ab. Ein Teil davon sind natürlich Ladeverluste, denn laut Lucid fasst der Akku nur 118 kWh. Ob es sich dabei um die Brutto- oder Netto-Kapazität handelt, lässt Lucid offen. Mark Kane geht für seine Schnellladeanalyse davon aus, dass es sich um die nutzbare Batteriekapazität handelt, die Gesamtkapazität schätzt er auf 122 kWh.

Nun lässt sich die C-Rate berechnen, also das Verhältnis zwischen Ladeleistung und Gesamtkapazität. Maximal lag die Ladeleistung bei 304 kW; geteilt durch 122 kWh ergibt das eine C-Rate von 2,5C. Die durchschnittliche C-Rate beim Laden von 20 auf 80 Prozent SOC ergibt sich zu 153 kW/122 kWh=1,3C. Beide Werte sind ziemlich gut, aber nicht so hoch wie etwa beim Hyundai Ioniq 5, der maximal 3,0C und durchschnittlich 1,9C erreicht.

Reichweite-Nachladen: Bis zu 36 km/min

Wichtiger für Langstreckenfahrer ist jedoch, wie schnell Reichweite nachgeladen wird, also wie lange man an der Ladesäule warten muss, bis genug Strom für weitere 100, 200 oder 300 km nachgeladen ist. Diese Wartezeit hängt nicht nur von der durchschnittlichen Ladeleistung ab, sondern auch vom Stromverbrauch des Autos.

Für den Lucid Air liegt bisher nur die Reichweite nach der amerikanischen EPA-Norm vor: Für die Version mit den 19-Zoll-Rädern liegt sie bei bei 520 Meilen, also stolze 837 Kilometer. Daraus und aus der nutzbaren Batteriekapazität (118 kWh) errechnet sich ein Stromverbrauch von 14,1 kWh/100 km oder 8.460 Wmin/km.

Teilen wir die durchschnittliche Ladeleistung von 153 kW durch die 8.460 Wmin/km, so erhalten wir 18,1 km/min. 100 Kilometer Reichweite nachzuladen, dauert also im Bereich zwischen 20 und 80 Prozent SOC durchschnittlich fünfeinhalb Minuten – der EQS lag mit 5,4 min/km etwa gleichauf. Maximal werden beim Lucid Air jedoch 36 km/min erreicht, während es bei dem Mercedes höchstens 25 km/min waren.

Vergleich mit dem Tesla Model S

Die Lucid-Air-Ladekurve ähnelt stark der des Tesla Model S Plaid): Bei beiden Elektro-Limousinen steigt die Ladeleistung rasch an und fällt dann langsam und kontinuierlich ab. Dass die maximale Ladeleistung beim Lucid Air (rote Kurve) weiter hinaufreicht, liegt auch an der maximalen Leistungsabgabe des Tesla Supercharger V3 von 250 kW.

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Interessanterweise ist also die Ladestrategie beim Tesla Model S (mit den altbekannten zylindrischen Zellen vom Typ 1865) ähnlich wie beim brandneuen Lucid Air (mit zylindrischen Zellen vom Typ 2170 und merklich größerer Batterie). Ab 30 Prozent SOC sind die Ladekurven sogar fast deckungsgleich.

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Beim Vergleich der C-Raten zeigt sich: Beide Autos erreichen ähnliche Maximalwerte von etwa 2,5C. Der Tesla (schwarze Kurve) hält diesen Wert länger und hat über den Großteil des Ladehubs eine höhere C-Rate. Durchschnittlich erreicht der Tesla im Bereich von 20-80% SOC 1,4C, während der Lucid bei 1,3C landet. Der EQS liegt mit 1,34C dazwischen.

Die wichtigste Kennzahl ist jedoch, wie schnell Reichweite nachgeladen wird. Hier ist der Lucid Air (rote Kurve) deutlich besser als das Tesla Model S mit gleich großen Rädern (Model S Long Range, grüne Kurve) und nochmal besser als das Model S Plaid (schwarze Kurve):

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Der Lucid hat einen geringeren Stromverbrauch und eine höhere Ladeleistung als das Model S Long Range. So ist es kein Wunder, dass er Reichweite schneller nachlädt als der Tesla. Der Lucid Air liegt wie erwähnt bei durchschnittlich 18,1 km/min, das Model S LR bei 15,2 km/min. Der Lucid lädt also deutlich schneller Reichweite nach (um 20 Prozent schneller), und dazu hat er noch einen größeren Akku.

Fazit: Der Lucid ist dem Tesla überlegen

Die maximale Ladeleistung des Lucid Air beträgt ungefähr 300 kW, aber der Durchschnitt im Bereich von 20-80 Prozent liegt nur bei 154 kW – weniger als erwartet. Wer es eilig hat, sollte den Akku am besten so leer fahren wie möglich und die Ladestation hinter sich lassen, bevor 80 Prozent SOC erreicht sind.

Unser Batteriespezialist Mark Kane vermutet, dass der Lucid Air schneller laden könnte, denn die C-Raten sind nicht besonders hoch – die Batterie wird also nicht sehr stark belastet. Tesla mutet dem Model S eine höhere C-Rate zu. So kann der Tesla bei der Ladeleistung zwischen 30 und 100% mithalten.

Der Lucid Air Dream Edition ist wohl derzeit das E-Auto, das am schnellsten Reichweite nachlädt. Hier ist der Neuling auch deutlich schneller als das Tesla Model S. Dazu kommt, dass er eine größere Batterie hat.