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Abarth 600e (2024) im Fahrbericht: Das ist der Knaller

Ein vollelektrischer Kompaktsportler von Abarth - kann das funktionieren?

Abarth 600e (2024) Fahrbericht
Bild von: Christopher Otto

Abarth als Sportmarke des Giganten Fiat hat sich seit kurzem voll der E-Mobilität verschrieben. Ungeachtet des ordentlichen Gegenwinds wegen dieser Entscheidung möchten die Italiener beweisen, dass auch elektrisch – oder vielleicht gerade – eine Menge Fahrspaßpotenzial in der Fiat-Basis steckt und schickt den neuen Abarth 600e in den Ring. Wir konnten die kompakte Knallrakete im Stellantis-Testzentrum Balocco ausgiebig Probe fahren und waren durchaus angetan.

Was ist das?

Carlo Abarth hat vor genau 75 Jahren mit (zunächst) Auspuffanlagen die nach ihm benannte Kultmarke gegründet, die im Laufe der Jahre zunächst in den Fiat-Konzern integriert wurde, bevor sich der Stellantis-Gigant alles einverleibte. Nichts desto trotz ist und bleibt Abarth die Sportschmiede der Marke Fiat, die aus biederen Kleinwagen knallige Tracktools macht.

Bildergalerie: Abarth 600e (2024) Fahrbericht

Zumindest war das bislang so, denn vor kurzem wendete sich Abarth in Richtung Zeitgeist und somit gegen die Verbrennertechnik, um ausschließlich vollelektrische Modelle anzubieten. Ganz offen auch auf Druck der drohenden Strafzahlungen bei zu hohen Flottenverbräuchen. Trotzdem versprechen die stolzen Italiener, dass ihre Kreationen nach wie vor höchsten Ansprüchen in Sachen Sportsgeist genügen. Beim Erstlingswerk 500e gelang dies nur zum Teil, wie unser damaliger Test aufzeigte.

Die Kundschaft antwortete auf den Richtungswechsel zunächst mit einem wahren Shitstorm, mit dem die Abarther auch ganz offen umgehen. Umso größer ist die Herausforderung, es auch diesen Gegnern zu zeigen. Internen Studien zufolge sollen angeblich 70 Prozent der Skeptiker ihre Meinung ändern, wenn sie nur einmal mit den neuen Raketen gefahren sind. Gut, dass auch wir heute mal ran dürfen, und zwar im Abarth 600e, der den aufgeplusterten Titel "leistungsstärkstes Serienfahrzeug der Firmenhistorie" trägt.

  Abarth 600e Turismo Abarth 600e Scorpionissima
Antrieb Frontantrieb, 175 kW (240 PS), 345 Nm Frontantrieb, 206 kW (280 PS), 345 Nm
0-100 km/h / Vmax 6,24 s / 200 km/h 5,85 s / 200 km/h
Batterie netto 51 kWh 51 kWh
WLTP-Reichweite 322 km 321 km
DC-Ladedauer 27 min (20 - 80 %) 27 min (20 - 80%)
DC-Ladestrom max 100 kW 100 kW
Länge / Breite / Höhe 4,19 m / 1,81 m / 1,52 m 4,19 m / 1,81 m / 1,52 m
Preis ab 44.800 Euro ab 48.800 Euro

Exterieur | Interieur | Antrieb | Fahreindruck | Preis | Fazit


Exterieur

Abarth hat beim 600er nicht einfach nur ein paar Spoiler verbaut. Obwohl Spoiler schon ein gutes Stichwort ist, denn Carlo Abarth war schon in den 1960er-Jahren der erste, der gewaltige Heckflügel an seine Rennwagen schraubte. Und so zitiert der große, eckige Heckspoiler des 600e mit seinen zwei Öffnungen genau diese alten Vorbilder. Dabei soll das Leitwerk aber auch einen wichtigen Teil zur aerodynamischen Stabilität beitragen.

Abarth 600e (2024) Fahrbericht
Abarth 600e (2024) Fahrbericht
Abarth 600e (2024) Fahrbericht
Foto: Christopher Otto

Die Abarth-Ahnen werden auch an der Front zitiert. Der eckige Lufteinlass ist eine Hommage an den Abarth 850 TC aus den 1960er-Jahren, der dort einen großen, eckigen Ölkühler aufwies. Die Seitenansicht wird voll und ganz von den gewaltigen 20-Zoll-Felgen und der Tieferlegung dominiert. So sieht der 600e sehr bullig und tief aus. Schwarze Akzente, der allgegenwärtige Skorpion sowie stolze Abarth-Schriftzüge runden das Outfit ab. Vor allem in den neuen Farben "Acid-Green" und die dem Top-Modell Scorpionissima vorbehaltene Farbe "Hypnotic Purple" wirkt der Kleine richtig giftig.

Interieur

Ganz ähnlich gingen die Abarth-Jungs im Innenraum vor. Natürlich beherrscht die Fiat-Basis das Geschehen, aber alleine die Sitze heben den Abarth schon deutlich vom zivilen Bruder ab. Schon im zahmen Turismo-Modell nehmen den Fahrer haltstarke Integralsitze in die Zange.

Abarth 600e (2024) Fahrbericht
Abarth 600e (2024) Fahrbericht
Abarth 600e (2024) Fahrbericht
Foto: Christopher Otto

Im Top-Modell stammen die Sitze von Sabelt, sehen extrem scharf aus und bieten ebenso extremen Seitenhalt. Bequem sind sie dazu auch noch. Schade nur, dass die Sitzposition nicht ganz stimmt, denn das kleine Sportlenkrad – standesgemäß mit Alcantara und Leder bezogen sowie mit einer gelben Mittelmarkierung versehen – lässt sich nicht weit genug herausziehen.

Seis drum, ansonsten hat Abarth sowohl das Instrumentendisplay als auch den Mittelmonitor mit eigenen Grafiken versehen und natürlich überall Skorpione und Schriftzüge verteilt. Dazu beherrscht dunkles Ambiente und Alcantara den Innenraum. Der Scorpionissima bietet darüber hinaus eine spezifische Abdeckung des Mitteltunnels und eine eigene Ambientebeleuchtung. Die Armaturentafel ist beim Abarth 600e Turismo schwarz lackiert, beim Modell Scorpionissima ist sie in Mattschwarz mit schwarzem Hochglanz-Siebdruck ausgeführt.

Abarth 600e (2024) Fahrbericht
Foto: Christopher Otto

Antrieb und Fahreindruck

Eine scharfe Optik war den Abarth-Jungs zwar sehr wichtig, aber bei einem solchen Auto zählt natürlich in erster Linie die Performance beim Fahren. Hier versprachen die Italiener ja Großes und vor allem unter dem Eindruck der Historie müssen sie nun liefern. Und das tun sie!

Den Abarth 600e gibt es in zwei verschiedenen Varianten, entweder mit 175 kW (240 PS) im Modell Turismo oder 206 kW (280 PS) im Scorpionissima. Beide Antriebsvarianten wurden in Zusammenarbeit mit den Formel-E-Spezialisten JTEKT entwickelt. Beiden gemeinsam ist eine 54-kWh-Batterie, die bis zu 322 km Reichweite erzeugen soll. Geladen wird am Schnellader mit vergleichsweise mageren 100 kW, womit eine Ladezeit von 20-80 Prozent in 27 Minuten möglich sein soll.

Abarth 600e (2024) Fahrbericht
Foto: Christopher Otto

Mit einem Leergewicht von rund 1,6 Tonnen ist der 600e für ein Elektromobil erstaunlich leicht, aber für ein kleines Spaßgerät trotzdem eigentlich zu schwer. Abarth versteht es aber, diesen Nachteil mit dem ebenfalls elektrotypischen Vorteil des niedrigen Schwerpunktes mehr als zu kaschieren. Daneben investierte man viel Feinarbeit in die Fahrwerksabstimmung und ließ bei Partner Michelin spezielle Reifen für die 20-Zoll-Felgen backen, welche die eigentlich unvereinbare Kombination aus bestem Kurvengrip und trotzdem sehr niedrigem Rollwiderstand bieten sollen. Die Lenkung wurde ebenfalls neu abgeschmeckt und sehr direkt ausgelegt. Ein Alleinstellungsmerkmal ist die mechanische Differenzialsperre an der Vorderachse, die Untersteuern verhindern soll.

Das Ergebnis ist begeisternd. Der kleine Abarth lenkt bei jeder Geschwindigkeit quasi in Echtzeit ein und wirkt schon fast hyperaktiv. Man muss sich an diese Direktheit erst gewöhnen, um vor allem lange Kurven sauber zu fahren. Auf dem Handlingkurs in Balocco kommt dann aber richtig Freude auf. Das Ding geht um die Ecken, dass einem fast schwindlig wird!

Abarth 600e (2024) Fahrbericht
Foto: Christopher Otto

Vor allem die Vorderachssperre zahlt hier voll auf das Kurvenverhalten ein. Sowohl beim harten Beschleunigen in Kurven als auch beim Reinbremsen dreht sich das Auto schön in die Kurve, anstatt zu untersteuern. So kann man mit gezieltem Gaseinsatz den Abarth fast wie einen Hecktriebler fahren, was ungemein Spaß macht. Die Michelins fangen zwar früh an zu jaulen, ohne aber in ihrem Grip nachzulassen. Vor allem enge Kurven bieten so einen großen Spaßfaktor. Das Heck ist recht hibbelig und hilft gern beim Gaswegnehmen mit einem deutlichen Einlenkimpuls.

Die Bremsen machen den Spaß mit, überraschen aber mit ihrem weichen, fast teigigen Pedalgefühl. Wenn man im B-Modus, also mit starker Rekuperation, unterwegs ist, übernimmt der Motor aber einen großen Teil der Verzögerung, sodass dies nicht weiter auffällt. Die Verzögerungswerte sind zudem über jeden Zweifel erhaben.

Abarth 600e

Die 280 PS unseres Scorpionissima reichen in allen Lebenslagen, auch auf der Piste. Natürlich gibt es schnellere und stärkere Sportler, aber das Gesamtpaket aus Antrieb, Fahrwerk und Body passt einfach perfekt. Vor allem im "Scorpion Track"-Modus, in dem die volle Leistung freigeschaltet wird, geht es gut voran. Den Prestige-Sprint von 0 – 100 km/h erledigt der Skorpion in 5,85 Sekunden und geht bis Tempo 200.

Der Verbrauch geht auf dem Racetrack natürlich steil bergauf, sodass man auch gut über 30 kWh/100 km erreicht. Bei unserer durchaus zügigen Überlandtour kamen wir allerdings auf gute 21 kWh/100 km. Hierfür genügt auch der "Scorpion Street" Modus mit leicht reduzierter Leistung. Für Sparfüchse gibt es noch den Modus "Turismo".

Preis und Konkurrenten

Billig ist solch ein Vergnügen natürlich nicht. Abarth behauptet aber, dass seine sportlichen Elektrofahrzeuge nicht teurer sind als vergleichbare Sportler mit Verbrenner. Der 600e als „Turismo“ mit 240 PS startet bei fairen 44.990 Euro. Damit liegt er zum Beispiel knapp unterhalb des Golf GTI, womit das Ziel erreicht ist.

Für den 280 PS starken „Scorpionissima“ muss man 4.000 Euro mehr hinlegen, bekommt neben der höheren Leistung und deutlich mehr Ausstattung aber auch den Bonus der Exklusivität, denn das Top-Modell wird nur 1.949 Mal gebaut. Dies ist eine weitere Hommage an das Gründungsjahr von Abarth.

Alternativen? Deutlich günstiger, aber auch etwas kleiner und schwächer ist der (oder die) Alpine A290, der einem ähnlichen Strickmuster folgt und bereits ab 38.700 Euro zu haben ist. Auf der anderen Seite wäre da zum Beispiel ein Cupra Born VZ mit 326 PS, der aber deutlich größer ist und auch schon mindestens 52.770 Euro kostet. Preislich genau ins Schwarze trifft der VW ID.3 GTX mit seinen 285 PS, der aufgrund der aktuellen VW-Kaufprämie bei 47.225 Euro beginnt.

Fazit 9/10

Mit viel technischem Aufwand, Feintuning und auch viel Leidenschaft gelingt es Abarth, aus dem eher langweiligen Fiat 600 eine reinrassige Taschenrakete zu kreieren. Das Ding macht einfach Laune, und zwar in allen Lebenslagen. Zudem bietet der 600e neben Fahrspaß auch viel Alltagstauglichkeit und leistet sich keine echten Schwächen. Schwach werden könnte höchstens der Petrolhead…  

Abarth 600e (2024) Fahrbericht
Foto: Christopher Otto