Markenchef Brandstätter: "Wir werden VW so stark verändern wie nie zuvor."

Volkswagen will sich vom Autohersteller zum "softwareorientierten Mobilitätsanbieter" wandeln. Mit der jetzt vorgestellten Strategie Accelerate stellt sich das Unternehmen auf tiefgreifende Veränderungen der Autoindustrie ein, so VW.

Die Pressekonferenz (in deutscher Sprache) können Sie sich im obigen, sechsminütigen Video ansehen. Darin gibt VW-Markenchef Ralf Brandstätter (mit etwas großspuriger Gestik und ein wenig CO2-Blabla) einen guten Überblick darüber, was VW vorhat.

Nach dem Dieselskandal hat sich die Marke ab 2016 entschlossen – und deutlicher als die Konkurrenz – der Elektromobilität zugewandt. Hier gibt VW noch mal mehr Gas: Bisher war für das Jahr 2030 ein Elektroauto-Anteil von 35 Prozent in Europa geplant. Nun wird dieser Anteil auf 70 Prozent verdoppelt. Das ist ein Wort. Für China und die USA erwartet VW eine Quote von 50 Prozent.

"Wir werden Volkswagen in den kommenden Jahren so stark verändern wie nie zuvor." (Ralf Brandstätter)

Aber das ist noch nicht alles. Nun will das Unternehmen auch das Zukunftsthema Software im Fahrzeug angehen. Denn: "Der wahre Gamechanger ist die Digitalisierung", so Brandstätter bei dem Event. "Während Wettbewerber noch mitten in der Elektro-Transformation stecken, gehen wir mit großen Schritten in Richtung digitale Transformation." Große Worte, aber was hat VW nun konkret vor?

  • Der erste Schritt ist noch kein großer: Ab Sommer bekommen ID.3 und ID.4 im 12-Wochen-Rhythmus Over-the-Air-Updates (OTA). OTA-Updates haben auch andere Hersteller, vor allem Tesla, aber zum Beispiel auch Porsche, Ford, Volvo, Jeep und Jaguar Land Rover.
  • Eine zweite Neuheit ist, dass VW offenbar eine eigene Cloud einführen will. Darüber sollen VW-Fahrzeuge künftig kontinuierlich Daten austauschen – unter anderem zu Staus und Unfällen. In zwei Jahren, also 2023, wird VW "auf eine vollvernetzte Flotte von über 500.000 Fahrzeugen zurückgreifen können", so Brandstätter. Das Feedback der Fahrer dieser Autos soll offenbar auch wieder zu OTA-Updates führen.
  • Ein dritter Punkt sind die "datenbasierten Geschäftsmodelle", das heißt, VW will künftig an den Software-Updates verdienen.
  • Viertens will VW das autonome Fahren bis 2030 "für viele Menschen erlebbar machen" will.

Außerdem spricht Brandstätter über die Scalable Systems Platform, einen neuen Baukasten für "Flachfahrzeuge", der möglicherweise den MEB beerben soll (wie wir vermuten). Im Video ist ein erstes Röntgenbild davon zu sehen, das eine ähnliche Silhouette wie der ID.3 hat. Das passt zu dem Ausdruck "Flachfahrzeuge", was SUVs ausschließt und möglicherweise auf Elektroautos schließen lässt, sie etwas niedriger als der ID.3 sind. Anders als beim ID.3 scheint der Ladeanschluss hier hinten zu sein (Video bei 3:50).

In den nächsten fünf Jahren investiert VW 16 Milliarden Euro in Elektromobilität, Hybridisierung und Digitalisierung. Dafür strebt die Marke bis 2023 einen Gewinn von 6 Prozent an.

Geschäftsmodell 2.0: Das Auto als Softwareprodukt

VW strebt die "Weiterentwicklung des Automobils zum softwarebasierten Produkt" an. Dabei schweben den Wolfsburgern Autos vor, die hardwaremäßig stark vereinheitlicht sind. Es soll also nicht mehr allzu viele Varianten geben. Schon heute sind ja die verschiedenen Motorisierungen des Porsche Taycan mit Allradantrieb von der Hardware her identisch – es ist die Software, die für verschiedene Leistungen sorgt.

Das gleiche Prinzip ist bei Verbrennern seit Jahren gang und gäbe. So unterscheiden sich zum Beispiel der Golf 1.0 TSI mit 90 und der mit 110 PS nur durch die Software. In Zukunft könnte die Mehrleistung auch per OTA-Update ins Auto kommen, so offenbar die Vision von VW. Dass Brandstätter aber auch die Verbrenner im Sinn hat, ist eher unwahrscheinlich, schließlich geht es VW um die Elektroautos.  

Die Motorleistung ist ohnehin nur ein Beispiel. Auch Infotainmentfunktionen, Assistenzsysteme und die autonomen Fahrfähigkeiten könnten nachträglich freigeschaltet werden. Tesla praktiziert das bereits seit Jahren: Im Januar 2020 zählte ein Experte über 120 OTA-Updates innerhalb von zwei Jahren und kürzlich gab es sogar ein Update mit Furztönen für die Hupe ...  

Mit den OTA-Updates (oder -Upgrades) sollen laut VW auch die "Einstiegshürden in die individuelle Mobilität" sinken. Denn das gekaufte Modell wird wohl noch recht günstig sein; erst für die Updates zahlt man dann richtig. So will das Unternehmen "zusätzliche Erlöse in der Nutzungsphase generieren – für Lade- und Energiedienstleistungen, für softwarebasierte Funktionen, die der Kunde je nach Bedarf dazu buchen kann, oder auch für das automatisierte Fahren."

VW-Strategie Accelerate (Bildquelle: VW)

Künftige Fahrzeuggenerationen von VW sollen dann in viel weniger Hardware-Varianten produziert werden als bisher, denn die individuelle Konfiguration wird erst später festgelegt. Das Auto hat beim Kauf quasi alles bereits an Bord, und der Kunde bucht später gewünschte Funktionen hinzu.

"Die Gewinne bringen Softwareanwendungen, nicht der Verkauf von Autos."

Die Software rückt für VW künftig in den Mittelpunkt: Das Auto wird zum "softwarebasierten Produkt". Oder wie die Wirtschaftswoche es formuliert: "Nach dem Umstieg auf E-Autos will Volkswagen nun sein gesamtes Geschäftsmodell auf den Kopf stellen: Die Gewinne bringen Softwareanwendungen, nicht der Verkauf von Autos." 

All das, was sich Volkswagen für die Zukunft vorgenommen hat, wird im Jahr 2026 erstmals in ein Fahrzeug einfließen: dem Projekt Trinity. Zum Marktstart soll das Auto automatisiertes Fahren auf Level 2+ ermöglichen, perspektivisch dann aber Level 4 – womöglich über ein OTA-Update.

"Volkswagen wird sich von Grund auf verändern. Wir werden nicht nur für klimafreundliche E-Mobilität stehen, sondern vor allem auch für faszinierende digitale Kundenerlebnisse, für neue Geschäftsmodelle und das autonome Fahren für Viele. In den vergangenen Jahren haben wir uns eine starke Ausgangsbasis erarbeitet. Mit Accelerate geben wir der Digitalisierung jetzt einen weiteren Schub." (Ralf Brandstätter)