Das Elektroauto-Jahr 2022 geht zu Ende, und eines ist klar: Langweilig ist es nicht gewesen, ganz im Gegenteil.

Während wir im Vorjahr oft über neue Produktions- und Absatzrekorde bei Elektroautos berichten konnten, war 2022 vor allem geprägt durch Produktionsschwierigkeiten. Wegen der ausbleibenden Kabelbäume aus der Ukraine, ungenügender Chip-Zufuhr aus Asien und anderer fehlender Teile konnte kaum ein Hersteller so viele Autos produzieren, wie er hätte verkaufen können.

Zu den Folgen gehörte eine Verschiebung des Angebots hin zu großen und teuren Autos: Die Autohersteller bauten die wenigen Teile lieber in margenstarke Modelle ein als in Kleinwagen. Das dürfte auch der Grund sein, warum VW den e-Up nicht mehr ständig anbietet: Man kann den Elektro-Kleinwagen immer wieder für kurze Zeit bestellen, doch die Auflage ist dann offenbar innerhalb kürzester Zeit vergriffen.

Wegen des zu geringen Angebots wurden viele Modelle dann auch oft mehrmals teurer, so zum Beispiel der Ford Mustang Mach-E oder die Mittelklasse-Teslas Model 3 und Model Y. Auch wuchsen die Bestellzeiten für viele Modelle so stark, dass die Zulassungszahlen kein Maß mehr sind für die Beliebtheit eines Autos – die Zahlen des Kraftfahrtbundesamts sind eher ein Gradmesser für die Verfügbarkeit eines Modells. So ist es kein Wunder, dass Tesla weit vorne in der Statistik liegt, denn der US-Autobauer hat derzeit Lieferzeiten, von denen andere nur träumen können.

Das beliebteste Elektroauto 2022 wird deshalb wohl das Model Y werden, und auch das Model 3 wird in die Top 3 kommen. Auch der Fiat 500 Elektro wird aufs Stockerl kommen. Der Erfolg des Elektro-Winzlings aus Italien ist die erfreuliche Ausnahme von der Regel, dass die meisten neuen Elektroautos groß und teuer sind.

Weniger erfreulich: Die deutschen Hersteller liegen in der Verkaufsstatistik bei Elektroautos weiter hinten, als von den Verbrennern gewohnt. Erst auf Platz vier der KBA-Liste taucht einer auf, nämlich VW mit dem ID.4 und dem ID.5. Woher kommt das? Dass sie zu wenig elektrische Modelle anbieten, kann man den deutschen Marken wirklich nicht mehr vorwerfen. Und sie sind auch durchaus konkurrenzfähig. Das Problem scheinen auch hier die eingeschränkten Produktionsmöglichkeiten zu sein, es fehlen ständig Teile.

Im VW-Konzern kommen noch Software-Probleme hinzu: Der traditionsreiche Hersteller hat offenbar mehr Erfahrung mit Karosserie- und Motorenbau als mit den Programmen und Betriebssystemen, ohne die kein Auto mehr fährt. Das führte offenbar auch zum Rücktritt von Konzernchef Herbert Diess. Nachfolger Blume krempelt derzeit die Planung komplett um: Der MEB bleibt länger, die neue Elektroauto-Plattform SSP verschiebt sich. Positiv für sich verbuchen kann Blume aber den erfolgreichen Porsche-Börsengang, den wir so nicht erwartet hatten – aber hier hatten die allermeisten Beobachter danebengelegen.

Zu den Gesprächsthemen von E-Auto-Fans gehörten auch 2022 wieder das Phänomen Elon Musk und seine Eskapaden. Abgesehen von politischen Verirrungen wie dem Verbreiten rechter Verschwörungstheorien und dem immer noch nicht verfügbaren autonomen Fahren (Full Self Driving) bot Musk vor allem mit dem missglückten Twitter-Kauf Anlass zum Kopfschütteln. Pluspunkte verbuchte der Tesla-Chef 2022 mit dem Produktionsstart in Berlin-Grünheide und in Texas, der Produktionssteigerung in Shanghai und dem Auslieferungsstart des Tesla Semi.

Ein Ausrufezeichen setzten 2022 die EU-Behörden mit dem verfügten Verbrenner-Aus im Jahr 2035. Nun läuft die Zeit: Die Hersteller haben noch 13 Jahre, um ihre gesamte Palette auf emissionsfreie Fahrzeuge umzustellen. Noch haben die allermeisten Fabrikate mehr Verbrenner als E-Autos im Programm, doch viele wollen bereits vor 2035 komplett auf Elektroautos umstellen

Im Jahr 2022 starteten über 20 neue Elektromodelle, darunter Highlights wie der BMW i7, der VW ID. Buzz, der Mercedes EQE und die neue China-Marke Nio. Die Verkaufszahlen wuchsen 2022 erneut, von rund 355.000 Stück in Deutschland auf wahrscheinlich mehr als 400.000. Zu den Gründen dafür gehörte sicher auch die Elektroauto-Prämie, die dieses Jahr letztmals noch in voller Höhe gewährt wird.

Wie wird es 2023 weitergehen? Auch im kommenden Jahr wird es wieder viele neue Modelle geben, darunter die Elektro-Limousine von VW (namens ID. Aero oder ID.7), der Tesla Cybertruck und der Elektro-Astra von Opel. Außerdem wollen weitere China-Marken starten, darunter BYD. 

In Sachen Verkaufszahlen dagegen könnte sich der Wind drehen. Zwar erwarten wir auch für 2023 weiter steigende Absatzzahlen, aber das Plus könnte geringer werden. Denn schon mehren sich die Vorzeichen für eine schwindende Nachfrage. So wächst der Fahrzeugbestand von Tesla immer stärker, und zwischen Weihnachten und Neujahr ruht die Produktion in der Giga Shanghai. Doch eine Absatzkrise bringt auch Positives mit sich: Vielleicht werden die Preise nicht mehr so bedenkenlos erhöht, und die Hersteller gewähren wieder höhere Rabatte. Ob unsere Kristallkugel recht hat? Wir werden es sehen.