Aral, Shell und Co. glauben offenbar nicht an einen schnellen Umstieg auf E-Mobilität

Was wird im Zeitalter der Elektromobilität eigentlich aus den Tankstellen? Jedes Elektroauto mehr verkleinert den Markt für Otto- und Dieselkraftstoff. Das wissen Aral, Shell und Co. natürlich auch und bauen Ladesäulen auf. Allerdings nicht sehr schnell, wie ein Überblick des Tagesspiegel zeigt. 

Politisch beschlossen wurde ein schneller Ausbau der Ladeinfrastruktur an den Tankstellen eigentlich schon beim Autogipfel im November 2020. Schnelllader mit mindestens 150 kW soll es danach bis Ende 2022 an einem Viertel der Tankstellen geben, bis Ende 2024 schon bei der Hälfte und Ende 2026 an drei Vierteln. Doch die Tankstellenbetreiber saßen damals nicht am Tisch.

Finanzminister Olaf Scholz (SPD) drohte den Tankstellen sogar schon mit einer Ladesäulen-Pflicht: "Notfalls müssen wir die Ladestationen vorschreiben." Die Mineralölfirmen reagieren offenbar auf den politischen Druck. So will Marktführer Aral bis Ende 2021 500 Schnelllader an 120 Tankstellen in Betrieb nehmen. Das sind allerdings nur etwa fünf Prozent aller Aral-Tankstellen in Deutschland. Zudem will die Aral-Muttergesellschaft BP zusammen mit VW ein Ladenetz aufbauen, das angeblich 1.000 Ladestationen umfassen soll.

Nummer zwei bei der Zahl der Tankstellen in Deutschland ist Shell. Hier gibt es derzeit rund 150 Ladepunkte an Tankstellen, bis 2030 sollen es 3.000 Ladepunkte an 1.000 Tankstellen sein. Dann wäre jede zweite Shell-Tankstelle mit Ladesäulen ausgestattet. Den Plänen der Politik würde Shell damit aber deutlich hinterherhinken, denn danach soll die Quote von 50 Prozent schon 2024 erreicht werden.

Total ist die Nummer Drei bei den Tankstellen. Nach der Übernahme der Ladeinfrastruktur-Sparte der Firma Digital Energy Solutions im April besitzt Total nun rund 2.400 Ladepunkte in Deutschland. Dabei handelt es sich aber offenbar vor allem um B2B-Ladepunkte, also Ladesäulen für Firmenkunden, keine öffentlich zugänglichen.

Schon an diesen drei Beispielen zeigt sich, dass der Ausbau der Ladeinfrastruktur bei den Tankstellen noch langsam läuft. Zu den Gründen könnten die hohen Kosten für Schnelllader sein, aber auch konservative Marktprognosen. So soll nach einer Aral-Studie der Anteil fossil angetriebener Autos 2040 noch etwa zwei Drittel betragen.

Shell rechnet "in den nächsten zehn Jahren mit sechs bis acht Millionen zugelassenen E-Fahrzeugen in Deutschland", sagte eine Unternehmenssprecherin dem Tagesspiegel. Wenn der Fahrzeugbestand konstant bleibt (derzeit gibt es 67 Millionen zugelassene Autos in Deutschland), wäre das eine Elektro-Quote von maximal 12 Prozent. Und die sollen nach der Shell-Prognose nur bei einem Fünftel der Ladevorgänge an Tankstellen geladen werden.

Die zurückhaltenden Marktprognosen der Mineralölwirtschaft passen nicht so recht zu den Erwartungen der Autohersteller. So glaubt VW, dass 2030 nur noch 30 Prozent der VW-Neuwagen einen Verbrenner haben werden. Bei einem (derzeitigen) Pkw-Durchschnittsalter von etwa 10 Jahren dürften zehn Jahre später wohl kaum noch zwei Drittel des Fahrzeugbestandes konventionell fahren, wie von Aral angenommen.

Setzt die Mineralölwirtschaft also weiter auf ihr altes Geschäftsmodell und bleibt bei der Ladeinfrastruktur eher zurückhaltend? Es sieht so aus. Dabei könnten die Tankstellenbetreiber doch auch vom Elektro-Boom profitieren. Denn Geld verdienen Aral, Shell & Co. derzeit vor allem mit ihrem Angebot an Zigaretten, Zeitungen, Snacks und dergleichen. Und die kaut auch, wer im Elektroauto unterwegs ist. So mancher und manche würde wohl auch in einer Sitzecke der Tankstelle Platz nehmen und ein Mikrowellen-Schnellgericht verzehren, während draußen das E-Auto in einer halben Stunde vollgeladen wird ...